Kunst

Der Meister der Miniatur

György Kurtág. Seine kleinen Stücke aus zerbrechlicher, schutzloser Musik glühen vor Emotion.

Der Meister der Miniatur SN/APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK
„Jeder Ton muss erst verdient werden“, so Komponist György Kurtág.

Neben Anton Webern gibt es in der Geschichte der Neuen Musik wohl kaum einen anderen Komponisten, der so kurze und lapidar anmutende Stücke geschrieben hat wie György Kurtág. Was ihn von Webern unterscheidet, ist der eminent poetische Zug seiner Musik. Viele Stücke muten oft an wie kurze Gedichte, mit denen er in geradezu verspielter Weise sagt, was er sagen möchte, ja sagen muss.

Der heuer 90 Jahre alt gewordene György Kurtág stammt - wie viele andere ungarische Musiker auch - aus dem ungarisch-
rumänischen Grenzgebiet, er wurde 1926
in Lugosch in Rumänien geboren. Begonnen hat er sein Kompositionsstudium kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Budapest als Schüler von Sándor Veress und
Leó Weiner.

Bis heute ist er ein Grenzgänger zwischen Ungarn und dem Westen geblieben. Heute lebt er, dessen Musik im Westen lange als Geheimtipp gehandelt wurde, in Frankreich.

Dass er an der Oper mit Samuel Becketts "Endspiel" als Vorlage, die er den Salzburger Festspielen vor Jahren zugesagt hat, arbeitet, daran besteht kein Zweifel. Er braucht Zeit, ist keiner, der forsch auf zugesagte Projekte zusteuert. Erst sollte das Werk 2013 fertiggestellt sein, dann 2016. Nun ist von 2018/19 die Rede. Der die Oper in Auftrag gegeben hat, Alexander Pereira, glaubt fest an ihre Fertigstellung.

So spielerisch viele seiner Werke anmuten - es gibt von ihm eine im Lauf von Jahrzehnten entstandene vielbändige Sammlung von Klavierstücken mit dem Titel "Játékok" (Spiele) - er ist ein Perfektionist, ein Tüftler. Spielerisch kann man seine Art zu komponieren wohl kaum nennen. Seine Fähigkeit zur Selbstkritik ist schier unerschöpflich. Viele seiner Kompositionen, sagte er einmal, seien "fast gut", aber fast gut sei "nicht gut genug".

Jeder Ton, den er schreibt, ist genau überlegt, mehrfach gewendet, ehe er auf dem Notenblatt stehen bleiben darf.

Manche seiner Werke scheinen vorbeizuhuschen, wirken wie flüchtig notiert und sind beim ersten Hören kaum zu fassen. Kaum eines ist für große Besetzung geschrieben. Und immer wieder stößt man bei ihm auf versteckte Anspielungen auf die Tradition. Nicht alle sind so leicht decodierbar wie ". . . quasi una fantasia".

In diesem Sommer ist seine Musik in mehreren Konzerten der Salzburger Festspiele vertreten, unter anderem kann man - mit Geigerin Isabelle Faust und Sopranistin Anu Komsi - die "Kafka-Fragmente" hören, vierzig Stücke für Sopran und Violine, von denen manche nur wenige Sekunden dauern.

Kaum einer hat den Kern von György Kurtágs Musik treffender beschrieben als der deutsche Musikwissenschafter und Kritiker Hartmut Lück: "Sie ist zerbrechlich, schutzlos, wie unbeholfen tastend durchs Weglose, schwankend zum Rand des Verstummens hin, aber dabei glühend von emotionaler Intensität."

Glühend von Emotion, berstend vor stiller Energie - das sind verzweifelte Versuche, in Worte zu fassen, was in György Kurtágs Musik so komprimiert zu hören ist - oder besser: erahnt werden kann. Nichts Romantisches ist darin verborgen. Auch lauert nicht Verzweiflung in ihr. Es sind geheime Botschaften, Kassiber, Fingerzeige, die es zu decodieren gilt - immer in der Gewissheit, sich dem Mitgeteilten nur nähern zu können.

Kann aus Andeutungen eine Oper entstehen? Viele bezweifeln das. Nur György Kurtág selbst wird irgendwann die Antwort darauf geben können. 2018 vielleicht, vielleicht 2019. Vielleicht "arbeitet" diese Antwort bereits bruchstückhaft in seinem Kopf und setzt sich im Verborgenen zu einem großen Stück mit dem Namen "Endspiel" zusammen.

Können wir uns vorstellen, dass auch Anton Webern eine Oper hätte schreiben können, wenn er sich am 15. September 1945 in Mittersill nicht jene verhängnisvolle Zigarre angezündet hätte, die ihm den achtlosen Tod brachte?

Konzerte mit Werken György Kurtágs:
Bach-Bearbeitungen für Klavier zu vier Händen, 26. Juli, Mozarteum Großer Saal.
6 Moments musicaux, 2. August, Mozarteum Großer Saal.
Botschaften des verstorbenen FräuleinR. V. Roussova, 6. August, Kollegienkirche.

Játékok;Signs, Games and Messages; Hommage à R. Sch., 14. August, Mozarteum.
Kafka-Fragmente, 18. August, Großes Festspielhaus.

(SN)

Aufgerufen am 21.06.2018 um 01:10 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/der-meister-der-miniatur-1231474

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