Kunst

Der Weg in Kafkas Welt ist ein Balanceakt

Der Weg in Kafkas Welt ist ein Balanceakt SN/marco borrelli
Anu Komsi und Isabelle Faust interpretierten György Kurtags „Kafka-Fragmente“.

Wie Franz Kafka wohl auf die Eindringlichkeit dieser Klänge reagiert hätte? Zur Musik pflegte der Schriftsteller ja ein notorisch angespanntes Verhältnis. Schon ein Brahms-Liederabend konnte ihm Beklemmungen verursachen. Die Töne aber, die der Komponist György Kurtág zur Verwandlung von Kafkas Gedankenwelt in Musik gesucht und gefunden hat, dringen in zum Teil andere Bereiche der Intensitätsskala vor.

Zitate, Sätze, manchmal auch nur einzelne Wörter aus Kafkas Tagebüchern, Briefen oder Erzählungen hat György Kurtág zu seinen 40 "Kafka-Fragmenten" op. 24 verdichtet. Bei den Salzburger Festspielen, die dem Komponisten zum 90. Geburtstag heuer eine Reihe widmen, stand das Werk am Dienstagabend auf dem Programm. "Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr", heißt es an einer Stelle in Kurtágs Kafka-Vertonung. Und die Schmerzlichkeit dieser Einsicht machten die Geigerin Isabelle Faust und die Sopranistin Anu Komsi im Mozarteum spürbar. Von der prominenten Besetzung allerdings ließen sich nicht viele Besucher zur zeitgenössischen Musik locken: Der Große Saal war bloß halb gefüllt.

Konzentrierte Dichte fand sich dafür in der Musik: Nur zwischen zwei Tönen bewegt sich die Geigenstimme zu Beginn, während die Sopranistin singt, dass "die Guten im Gleichschritt gehen". Nur mit zwei Tönen hatte auch Kurtág in den 50er-Jahren nach einer schweren Krise wieder ins Komponieren gefunden. Die Analytikerin Marianne Stein hatte ihm geraten, sich auf die grundlegenden Tonbeziehungen zu besinnen.

In eine Welt der Hindernisse und Stolperfallen freilich führt auch jede Reise zu Kafka: "Der wahre Weg", heißt es in einem Satz, "geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über den Boden. Es scheint mehr bestimmt, stolpern zu machen, als begangen zu werden." Mit immer wieder akrobatischer Sicherheit aber bewegten sich Isabelle Faust und Anu Komsi durch den Notentext und fanden in innigen Passagen ebenso eng zueinander wie in theatralischen oder ins Skurrile übersteigerten Momenten. Die Eindringlichkeit, mit der die Interpretinnen ans Werk gingen, wurde nicht erst am Ende bejubelt, sondern mehrmals mit Zwischenapplaus bedacht.

Quelle: SN

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