Kunst

Dicke Wälzer und Plaudertöne: RSO eröffnete Wien Modern

Das Festival Wien Modern 2016 ist eröffnet - und hat der Geduld und Hörbereitschaft seiner Besucher schon am ersten Abend einiges abverlangt. Mit der Uraufführung von Jorge E. Lopez' einstündiger "IV Symphonie" stemmte das RSO Wien unter Cornelius Meister einen dicken, eklektischen Wälzer - offenbar als reinen Selbstzweck. Eine Irrfahrt durch zahllose, wahllose Motive.

Auf eine Eröffnungsrede hat man heuer verzichtet und dem Programm aus zwei (fast) neuen Stücken stattdessen einen kurzen Prolog aus dem Frühwerk von Krzysztof Penderecki vorangestellt. "Threnos" (1960), gewidmet den Opfern von Hiroshima, ist eine fein ziselierte, grafisch notierte Skizze, die den Streichern in überlappenden Bögen ein zartes, bitteres Schaudern entlockt und so das Festivalthema der "letzten Fragen" atmosphärisch dichter einleitet, als es einer Rede gelungen wäre.

Der musikalische Höhepunkt des Konzerts ging aber auf das Konto des heuer stark gewürdigten Georg Friedrich Haas. Der vor wenigen Jahren nach New York ausgewanderte österreichische Komponist, der erst kürzlich durch das Erzählen über die NS-Gesinnung seiner Herkunftsfamilie für Aufsehen sorgte, zeigt sich auch in seinem neuesten Werk, dem erst vor zwei Wochen in Donaueschingen uraufgeführten Posaunenkonzert, als Meister der Koloration.

Mike Svoboda, für den Haas das Konzert geschrieben hat, lässt in minutenlangen Sequenzen alle Farben seines Instruments rund um nur einem Ton erstrahlen. Das Orchester schichtet unterdessen mit träumerischer Unbestechlichkeit Klangtürme auf, die selbst in ihren bedrohlichen Momenten etwas Wunderbares zu feiern scheinen, eine tiefe Ruhe in ihrem Innern tragen. Als der Zauber lang zu werden droht, ändert sich umgehend der Charakter. Nicht in der Tonalität, aber in einer plötzlichen Beschleunigung, die zur Vehemenz wird und einen neuen Teil einleitet, der in scharfem Kontrast zum Anfang steht: Erzählerisch schwingt sich die Posaune nun geradezu im Plauderton durch die Partitur.

Etwa 200 Seiten im A1- und A2-Format hat der in Wien lebende Komponist Jorge Lopez mit seiner kalligrafischen Partitur zur "IV Symphonie" gefüllt. Die Detailgenauigkeit, mit der er seine Noten gesetzt hat, ist stets hörbar, feine Handarbeit beherrscht jedes der hunderten Motive und Zitate, die Lopez mit Akribie zu einem erratischen Labyrinth aus Einsätzen und Soli verwoben hat. Aber wie im Labyrinth fragt man sich bald: wohin? Und dann, viele geduldig gewartete Minuten später: wozu? Nach einer Stunde sind diese Fragen unbeantwortet und der Applaus von Erleichterung durchsetzt.

Vor dem Konzert sowie in der Pause wurde im Foyer die Festival-"Skulptur" eingeweiht. Georg Nussbaumer hat eine "Winterreise" geschaffen, indem er einen Flügel mit einem Eisblock "verschmolzen" hat. Vom Eis entsprechend gedämpft erklingen die von wechselnden Pianisten intonierten Schubertlieder - im Verlauf der kommenden Tage wird sich ihr Klang durch das tropfenweise Wegschmelzen des Eisbergs allerdings verändern und schließlich ganz freigelegt sein. Mit dem Eröffnungskonzert hat der einmonatige Reigen von etwa 70 Konzerten mit 55 Uraufführungen an etwa 20 Spielorten in ganz Wien begonnen.

(S E R V I C E - www.wienmodern.at)

Quelle: APA

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