Kunst

Dickinson-Film als Terence Davies' persönlichstes Werk

Mit sehr persönlichen Filmen über seine tragische Kindheit im Liverpool der Nachkriegszeit hat sich Terence Davies ("Entfernte Stimmen - Stilleben") als Filmemacher einen Namen gemacht. Dennoch: "A Quiet Passion", sein bei der Viennale vorgestellter Film über die bedeutende amerikanische Dichterin Emily Dickinson (1830-1886), sei sein bisher "autobiografischstes Werk", sagt der 70-Jährige.

Der englische Regisseur, Drehbuch- und Romanautor setzt bei Dickinsons Zeit in einer konservativ-evangelikalen Mädchenschule an und fokussiert schließlich auf ihre späteren Jahre, in denen sie in fast kompletter Isolation in ihrem Elternhaus in Amherst im US-Bundesstaat Massachusetts rund 1.800 Gedichte schrieb, von denen sie zu Lebzeiten nur eine Handvoll veröffentlicht sah. "Sie hatte ein außergewöhnliches Leben, weil sie praktisch nie wohin gegangen ist", sagt Davies im APA-Interview. "Sogar als sie nahe ihres Elternhauses in die Schule ging, war sie buchstäblich krank vor Heimweh. Also durfte sie heimkommen, hat ihren Abschluss gemacht und das Haus nie wieder verlassen." Ihre letzten, von einer Nierenkrankheit geplagten Jahre verbrachte sie ausschließlich in ihrem Zimmer.

Davies hat sich der zurückgezogenen Persönlichkeit mittels ihrer Gedichte sowie sechs verschiedener Biografien angenähert und zeigt sie als schüchterne, aber humorvolle Frau, die ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht weit voraus war. So war es damals für Frauen unüblich, sich kreativ zu betätigen, anstatt zu heiraten und Kinder zu gebären. "Sie hat sich bewusst gegen einen Ehemann entschieden, weil sie wusste, dass dieser das Gedichteschreiben nie toleriert hätte", so Davies. Dennoch habe Dickinson starke Sehnsucht danach gehabt, "geliebt zu werden, nicht nur körperlich". "Nie zu bekommen, was sie sich gewünscht hat, hat diese wunderbaren Gedichte hervorgebracht. Damit hat sie einen hohen Preis gezahlt."

Davies war es wichtig, die Poetin dennoch nicht als tragische Figur zu zeichnen. "Man muss nirgendwo hingehen, um ein reiches inneres Leben zu haben", ist er überzeugt. "Sie war sehr gebildet, hat gerne Klavier gespielt, gelesen, gebacken und im Garten gearbeitet. Sie war eine ganz normale Person - abgesehen davon, dass sie ein Genie war." Als ebendieses Genie besetzte Davies die aus "Sex and the City" bekannte US-Schauspielerin Cynthia Nixon, die einige der Gedichte auch im Off spricht. "Cynthia ist mit Emilys Gedichten aufgewachsen und kann sie daher auch vorlesen, was viele amerikanische Schauspieler nicht können", weiß Davies. Und: Die 50-Jährige sehe der Dichterin, von der nur ein einziges Foto im Alter von 17 Jahren vorhanden ist, ungemein ähnlich. Von jener Serie, mit der seine Hauptdarstellerin berühmt wurde, hält er aber nichts. "Der Subtext ist schädlich. Es geht nur darum, miteinander ins Bett zu geben, zu essen und Kleidung zu kaufen. Was ist mit Liebe und Mitgefühl? Ich würde lieber sterben."

Stichwort Tod: Es sei vor allem Dickinsons spiritueller Kampf, den Davies nachempfinden kann. "Sie war nicht religiös, aber sehr spirituell und hat sich viele Gedanken über die Beschaffenheit der menschlichen Seele gemacht", erläutert der Filmemacher. "Ihre Gedichte schwanken zwischen diesen Fragen: Was, wenn es die Seele, aber keinen Gott gibt? Leben wir nach dem Tod weiter oder folgt die Auslöschung? Sie entscheidet sich in ihrer Poesie nie für eine Seite, behält immer die Hoffnung, verzweifelt nie - obwohl es genug Gründe gäbe, zu verzweifeln."

Davies kennt das Gefühl. Von seiner Mutter streng katholisch erzogen, hat er nicht zuletzt aufgrund der Realisierung seiner Homosexualität lange mit seinem Glauben gerungen. "Ich habe im Alter von 17 bis 22 Jahren sehr mit mir gekämpft. Schließlich wurde mir mein Leben lang eingeredet, dass Zweifel das Werk des Teufels sind und dementsprechend abgewehrt werden müssen." Letztlich habe er erkannt, "dass sich die meisten Religionen nur um zwei Dinge drehen: die Kontrolle über menschliche Sexualität und das Schönreden des Todes". Die Erkenntnis hinterließ beim nunmehrigen Atheisten "ein großes Loch" - und startete seine "spirituelle Reise": "Endet alles mit dem Tod? Ich glaube, ja. Ich sehe keinen Grund, nach dem Tod weiter zu leben."

Auch die ausgeprägte Verbundenheit zur Familie verbindet Davies mit Dickinson. "Wenn Emily im Film sagt: 'Ich will nichts abseits meiner Familie, sie ist perfekt, so wie sie ist', dann spreche ich durch sie", sagt Davies, der die Angst vor Veränderung und Verlust teilt. Im Interview beginnt der weißhaarige Brite zu strahlen, wenn er sich an jene Zeit im Alter von sieben bis elf Jahren erinnert, "als ich dachte, es würde immer so schön bleiben": Sein gewalttätiger Vater war gerade gestorben und Davies besuchte als jüngstes von zehn Kindern eine gemischte Volksschule mit liebevollen Lehrerinnen. "Aber dann musste ich auf die Sekundarschule, eine reine Bubenschule mit ausschließlich männlichen Lehrern. Über vier Jahre hinweg wurde ich von drei Burschen verprügelt. Mein kleines Paradies war vorbei."

Damals habe er eine "Angst vor der Außenwelt" entwickelt, die ihn bis heute begleitet. "Die moderne Welt ist mir absolut schleierhaft", sagt Davies, "und ich glaube, auch Emily wäre entsetzt, würde sie heute leben." Davies bezeichnet sich selbst als technologiefeindlich, wertet die Abhängigkeit von technischen Geräten als "Verleugnen der Realität". Und obwohl er sich in Großbritannien zuhause fühlt und bereits nach drei Tagen Wien-Aufenthalt von Heimweh geplagt wird, ist er doch "ein großer Kritiker meines Landes". Beim Referendum im Juni hat er für einen Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt. "Ich halte es wirklich für Wahnsinn, dass wir die EU verlassen", so Davies. "Wir haben uns damit massiv geschadet. Wir glauben immer noch, dass wir wichtig sind, aber das sind wir nicht! Wir sind eine kleine, lächerliche Insel vor der Küste Europas."

Der gemeinsame Markt sei nur ein Vorwand der Brexit-Befürworter gewesen, ärgert sich Davies. "Es ging um Immigration, auch wenn es niemand zugeben will. Ich finde diese Lügen abscheulich. Seid wenigstens ehrlich und sagt, ihr wollt keine Einwanderer - so schlimm es auch ist, das zu sagen." Pessimistisch stimme ihn die aufgeheizte Stimmung angesichts der Flüchtlingskrise und die Zunahme an fremdenfeindlicher Gewalt in seiner Heimat aber nicht. "Es bringt nicht nur das Schlimmste, sondern auch das Schönste in Menschen hervor. Die meisten Menschen sind gut und bereit, zu helfen. Daran müssen wir uns erinnern, auch wenn es in Zeiten wie diesen schwierig ist."

Quelle: APA

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