Kunst

"Die Bestimmung": Absprung in die finstere Zukunft

Düstere Visionen liegen bei Büchern und Filmen für junge Erwachsene im Trend. Für immer mehr junge, weibliche Actionheldinnen ist das aber durchaus positiv.



Die Überwachung ist total, unsere Wirtschaft funktioniert nur über Ausbeutung und die Natur schlägt zurück, kurz: Die Welt steht nimmer lang. Ist es da nicht konsequent, dass junge erwachsene Leserinnen und Leser gern zu Zukunftsvisionen mit totalitären Systemen greifen? Suzanne Collins' Trilogie "Die Tribute von Panem" ist das momentan erfolgreichste Beispiel dieser Sorte von Entertainment-Kulturpessimismus: Eine degenerierte Mediendiktatur hat da den Großteil eines Volkes versklavt, während einige wenige in blindem Luxus leben. Erst das Aufmucken Einzelner bringt das Regime ins Wanken, eine Revolution, die von widerspenstigen jungen Leuten angestoßen wird.

Eine ganze Reihe weiterer Jugendromane zielt in eine ähnliche Richtung. Oft sind das Bücher, die vielleicht literarisch nicht wertvoll sind, aber junge Erwachsene ohne Unterschied ansprechen. Und sie handeln von Widerstand, Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit, im Gegensatz zu den Glitzervampiren Marke "Twilight", die noch vor Kurzem Bücher- und DVD-Regale dominierten.

Am Donnerstag kommt nun "Die Bestimmung - Divergent" ins Kino, die Verfilmung des ersten Teils einer weiteren Jugendbuch-Trilogie (Teil zwei und drei sind für die nächsten beiden Jahre geplant). Die US-Autorin Veronica Roth war selbst erst 23, als der erste Band erschien, und einige Grundelemente wirken vertraut: Wieder steht im Zentrum eine junge, mutige Frau, die sich einem repressiven Regime anpassen soll.

Der Film spielt in einem halb zerstörten Chicago; nach einem Krieg hat sich die Gesellschaft neu organisiert. Innerhalb eines unüberwindbaren Elektrozauns sind die Menschen nach ihren Persönlichkeiten in fünf Fraktionen eingeteilt, eine Ordnung, die sich bereits in der dritten Generation bewährt: Die Altruan widmen ihr Leben dem Helfen. Die Candor haben aufgrund ihrer Unbestechlichkeit die politische Organisation übernommen. Die Ken sind für Forschung verantwortlich, die friedfertigen Amite verrichten singend Feldarbeit. Und die Ferox, die Furchtlosen, übernehmen Aufgaben von Polizei und Militär. Alle 16-Jährigen müssen sich entscheiden, zu welcher Fraktion sie gehören möchten, ein Test ergibt, welche Fraktion der eigenen Persönlichkeit entspricht. Wer nirgends hineinpasst, hat verloren: Die Fraktionslosen vegetieren auf der Straße.

Die 16-jährige Beatrice (Shailene Woodley) ist unentschlossen: Ihre Eltern sind Candor, bescheiden, kontrolliert und verlässlich. Doch Beatrice ist fasziniert von den Ferox. Ihr Test ergibt, sie sei eine "Unbestimmte", ein Ergebnis, das Beatrice niemandem zu sagen wagt. Doch am Tag der Bestimmung entscheidet sie sich: Sie will eine Ferox werden und die harte Schule dieser Elitekampftruppe durchmachen.

In "Die Bestimmung" wird wieder eine unangepasste junge Frau zum Katalysator für die Revolution: "Wenn du in keine Kategorie passt, können sie dich nicht kontrollieren", ist die Erklärung. Der Film ist ein unverhohlenes Plädoyer für persönliche Autonomie. Doch zugleich nimmt "Die Bestimmung" als Beginn der Trilogie spürbar erst Anlauf für eine viel größere Geschichte.

Im direkten Vergleich mit "Die Tribute von Panem" kommt der Film nur mäßig weg: Zu unvermittelt beginnt die Geschichte, zu unübersichtlich ist das Fraktionensystem. Beatrice, die zugleich zögerlich, tollkühn und zärtlich sein kann, hat keine Biografie, ihre Entscheidungen sind daher schwer nachvollziehbar, und die Liebesgeschichte, die sich zu einem Ferox entspinnt, überflüssig.

Für sich allein betrachtet ist der Film aber erfreulich, nicht zuletzt, weil er den Typus der komplexen jungen Frau im Actionfilm noch weiter in den Mainstream holt. Bei den Oscars Anfang März bemerkte Cate Blanchett noch: "Manche in der Filmindustrie klammern sich an die Idee, dass Filme mit Frauen im Zentrum Nischenprodukte sind. Das sind sie nicht, die Leute wollen sie sehen." Allmählich haben es die Frauen aus der Nische geschafft. Die Zukunft mag düster und furchteinflößend sein. Aber zumindest gehören ein paar sture junge Frauen zu den Lichtgestalten.

Film: Die Bestimmung - Divergent. Actiondrama. USA 2014. Regie: Neil Burger. Mit Shailene Woodley, Theo James, Kate Winslet. Start: 10. 4.

Quelle: (SN).

Aufgerufen am 21.10.2018 um 01:01 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/die-bestimmung-absprung-in-die-finstere-zukunft-3687142

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