Kunst

Die Macht verlumpt auf der Schattenseite

Das "Endspiel" fächert die destruktive Kraft eines selbstgefälligen, machtgierigen boshaften Mannes auf.

Ein Grauen breitet sich seit dem Wochenende in Salzburg aus, wie es nur Menschen zu erzeugen vermögen. In der Mitte der Bühne des Landestheaters hat ein Mächtiger Platz genommen, dem alle Sonnenseiten von Autorität - Verantwortung, Idealismus oder Ethos - fehlen. Tropft gar Blut aus seinem linken blinden Auge, als er die dunkle Brille abnimmt? Die verschieden bräunlichen Flecken im Tuch, mit dem er sein Gesicht vermeintlich säubert, könnten Blut ebenso sein wie Speibe, Rotz und Eiter. Er schaut so aus, wie er offenbar ist: grindig, dreckig, verlumpt.

So zugerichtet beginnt Nicholas Ofczarek als Hamm in "Endspiel" eine fast zweieinhalbstündige Meisterschaft der boshaften Machtausübung. Er kommandiert, befiehlt, demütigt, bedroht, erpresst und verspricht eine Praline, doch solche Belohnung ist nur erlogen.

Nicht nur im Darstellen dieser dicht verästelten Despotie besteht Nicholas Ofczareks Glanzleistung. Er spielt auch, wie dieser Mächtige spielt: Da fasst er sich, sucht nach besseren Wörtern, spricht so schön, als hielte er eine Ansprache. Dieser Mann will wirken, aber nichts bewirken. Er will gefallen, aber er braucht kein Gegenüber mehr, denn er genügt sich selbst. In egomanischer Selbstgefälligkeit verkennt er seine Hässlichkeit.

Im Salzburger "Endspiel", einer Koproduktion mit dem Burgtheater, hat dieser Despot einen grandiosen Widerpart an Devotheit: Michael Maertens spielt Hamms Diener Clov. Dessen Oberkörper ist mangels Willen, Kraft und Rückgrat nach vorn gekippt. Auf steifen Beinen und in vergammelten Filzpantoffeln schlurft dieser Clov durch den für ihn ausweglosen Raum, den Bühnenbildner Jürgen Rose mit der Anmutung eines alten Pappkartons konstruiert hat. Wir Zuschauer sehen, dass es ein Draußen gibt, doch für die Protagonisten des "Endspiels" ist es unerreichbar. Und es ist sowieso leere, graue Öde einer undekorierten Bühne.

Sogar in diesem Labor der Hölle gibt es Hoffnung weckende Regungen - etwa von Willen, wenn aus Clov der Zorn birst, wobei Michael Maertens aus seiner Stimme apokalyptische Sprachblitze schlägt, als müsste er Sodom und Gomorra treffen; oder von Hilfsbereitschaft, wenn Nagg seinen Zwieback zu teilen bereit ist; oder von Zuneigung, wenn Nell ihr Gesicht Nagg zum von ihm erbetenen Kuss hinwendet - vergeblich.

Hamms verstümmelte Eltern Nell und Nagg müssen in Mülltonnen hausen. Seit einem Unfall sind ihre Beine amputiert. Joachim Bißmeier schiebt mit der schwindenden Kraft eines Alten den Kopf aus der Tonne und kauert an deren Kante - verzweifelt wie vergeblich bemüht, ein Fragen, ein Lachen, ein Küssen zu erwirken. Barbara Petritsch vermag der geschundenen Nell eine unverwüstliche Anmut zu verleihen. Und typisch Jürgen Rose: Er ziert ihren Hut mit ecrufarbenem Schleierchen - so verblasst wie Haut und Gemüt dieser Frau.

Erstaunlich unbeschadet in all dem Grauen ist die Fantasie. Sogar den beiden Erzfeinden Clov und Hamm eröffnet sie beim Spielen mit einem Stoffhund ein Feld, um ins Gespräch zu kommen und der Sinnlosigkeit zu entfliehen - sei's auch nur kurz. Obwohl Hamms Qual- und Clovs Rachsucht obsiegen werden, eröffnen sich im fantasievollen Spiel mit dem schwarzen Pudel Momente von Heiterkeit.

Ja, hier sind Menschen zu sehen. Hier zeigen vier Schauspieler mit diesem 1956 - nach dem Zweiten Weltkrieg - geschriebenen "Endspiel" Qual und Schmach, wie nur Menschen sie einander zufügen. Das zumeist als humanistisch verstandene "Menschliche" entfaltete sich hier in seiner Schattenseite. Achtung! Die ist reich an Winkelzügen und voller Wirkungskraft.

Während Samuel Beckett uns zu den Abgründen von Sinnlosigkeit, Würdelosigkeit, Schamlosigkeit, Gottlosigkeit hinführt, evoziert er im Nahbereich von diesem Nichts die Suche nach dem, was vielleicht ein Etwas sein könnte.

Das Wundersame an dieser Inszenierung beginnt mit dem ersten Bild: Das Verwahrloste ist in unübersehbaren, dort und da offenbar kostspielig hergestellten präzisen Details dargestellt. Die vergilbte Tapete bricht an den Kanten auf; ein umgedrehtes Bild mit Wasserflecken hängt an der Wand; Michael Maertens' Haare, Gesicht, Jacke und Hemd sind derart verdreckt und verschwitzt, dass einem in einer hinteren Parkettreihe noch ekelt.

Und dieses theatrale Wunder erhebt sich, wenn er als Clov anhebt "Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende". Samuel Beckett versieht die verrohten Figuren mit poetischer Sprache. Regisseur Dieter Dorn, Kostüm- und Bühnenbildner Jürgen Rose und die vier Schauspieler setzen der darzustellenden menschlichen Verrottung ein Höchstmaß an Kultiviertheit entgegen - an Sprache, Rhythmus, Körperausdruck, Konstellationen. Sie erzeugen das plumpe Grauen mit feinsinnigster Virtuosität. Sie befolgen den Text wie eine Partitur - samt "Pause", "Er pfeift einmal kurz" oder "Hamm hebt seine Kappe". Wie ein komplexes Räderwerk sind Sprache, Bild, Raum, Szene, Bewegung, Geste und Kostüm verzahnt. Und immer wieder wird das szenische Interagieren in riesigen Schatten an der Wand überhöht.

In der Premiere am Samstag war diesem feingliedrigen Werk noch etwas von Angestrengtheit abzulesen - in manchen Bewegungsfolgen scheint die Akrobatik durch. Und nicht nur in Körpereinsatz, auch in der Bildsprache wird das Bühnengeschehen manchmal manieriert. Wenn Clov etwa sagt "Ich will dich nicht berühren", führen Hamm und Clov ihre Zeigefinger so zueinander, als verwiesen sie auf das gleiche Detail in Michelangelos "Erschaffung des Adam" in der Sixtina.

Jedenfalls: Sprachliche und schauspielerische Virtuosität sowie rundum beeindruckender Einfallsreichtum machen dieses "Endspiel" zum kostbaren Theaterereignis.


Theater: "Endspiel" von Samuel Beckett, Salzburger Festspiele, Landestheater, bis 8. August. Ab 4. September im Akademietheater, Wien.



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