Kunst

"Die Nacht der 1000 Stunden": Faschismus beginnt in den Träumen

"Die Nacht der 1000 Stunden" von Virgil Widrich ist ein schaurig-schönes Familiendrama, das ganz aktuelle Fragen aufwirft.

"Die Nacht der 1000 Stunden": Faschismus beginnt in den Träumen SN/thimfilm
Der Salzburger Regisseur Virgil Widrich lässt es in seinem neuen Film spuken.

Berühmt geworden ist Virgil Widrich vor 15 Jahren durch den Kurzfilm "Copy Shop", für den er eine Oscarnominierung erhalten hat. Nun hat der Salzburger Regisseur seinen ersten abendfüllenden Kinofilm gedreht: In dem Streifen "Die Nacht der 1000 Stunden" spielt Laurence Rupp den Erben einer alten, österreichischen Unternehmerfamilie, dem die Firma überschrieben werden soll. Doch nicht alle lebenden und toten Verwandten sind einverstanden. Es entspinnt sich eine schräg-bunte Geisterbahnfahrt durch die österrei chi sche Zeitgeschichte.

SN: "Die Nacht der 1000 Stunden" ist im Grunde ein Geisterfilm. Woher kommt die Geschichte?
Virgil Widrich: Mich beschäftigt schon sehr lange der Gedanke vom Jüngsten Tag, an dem alle Toten wiederkommen. Was würden denn all die Toten miteinander sprechen? Wenn alle wiederkommen, gibt es ja keine Geheimnisse mehr, das heißt, wenn alle Mitglieder einer Familie wieder auftauchen, würden auch unangenehme Dinge aufs Tapet kommen. Wenn man in der österreichischen Geschichte nur anderthalb Generationen zurückgeht, kommt man sehr schnell zur Zeit des Nationalsozialismus. Und das war der Ausgangspunkt für die Geschichte.

SN: Ist diese Filmfamilie komplett erfunden?
Nein, das ist ein Patchwork aus eigener Familie und historischen Konstellationen. Meine Familie wohnt schon seit hundert Jahren in einem alten Haus in Salzburg. Da finden sich immer noch die interessantesten Erinnerungsstücke, wie Pässe von 1850 oder Haarlocken von Vorfahren. Und ich hatte auch einen Großvater, der zwei Mal geheiratet hat, wie der im Film. Die beiden Ehefrauen würden sich an so einem Jüngsten Tag wohl auch nicht vertragen. Und es gibt Briefe von diesem Großvater, die er mit "Heil Hitler!" unterschrieben hat. Er war Arzt, aber auch Forscher und Unternehmer und hatte eine Fabrik zur Entbitterung von Sojabohnen. Schon aus Absatzgründen war ihm Großdeutschland sehr recht - und wohl auch ideologisch. Aber es hat ihn nicht gestört, dass seine Frau, meine Großmutter, jüdischer Abstammung ist. Danach würde ich ihn gerne fragen, wenn er wieder auftauchen würde.

SN: Ihr Film ist nicht nur absurdes Kammerspiel, sondern auch eine politische Parabel, nicht wahr?

Ich hab den Film schon vor neun Jahren zu entwickeln begonnen, und diese Figur des Burschenschafters als Cousin des Protagonisten war immer schon da, so einen wollte ich unbedingt als Antagonisten. Ich habe in Wien immer wieder Burschenschafter gesehen - und auch an offenen Kellerfenstern singen und fechten gehört. Mich verblüfft, dass es diese anachronistischen Gemeinschaften noch gibt - was sind das für Wahnsinnige?

Dass wir den Film jetzt ins Kino bringen, zwei Wochen vor der Bundespräsidentenwahl, wo genau so jemand zur Wahl steht, ist natürlich ein unerwünschter Zufall, aber zeigt, wie sehr das ein Befund des heutigen Österreich ist.

Eigentlich handelt der Film ja davon, dass bestimmte Ideen nicht sterben wollen und dass bestimmte Träume nicht aufhören. Ich hab in Warschau eine Premiere gehabt, und diese Stadt ist ja wahrlich voller Toter und Gespenster. Nach der Vorstellung kam ein alter Mann zu mir, der sagte, er sei Psychiater in Warschau. Er sagte, er finde es toll, dass dieser Film zeigt, dass der Faschismus mit Träumen beginnt. "Ich höre sie jeden Tag", sagte er: Bei ihm liegen die Leute auf der Couch und erzählen ihm ihre Fan tasien, in denen sie endlich einmal mächtig sind und endlich einmal zurückschlagen. Und das, sagte er, ist genau das, was dieser Film zeigt: dass Faschismus mit Träumen und Sehnsüchten beginnt, bis er dann reale Politik wird.

SN: Etwas vom Gruseligsten an Ihrem Film ist die Kooperation der Demokratiefeinde quer durch alle Zeiten. Woher kommt das?
Die Rechtsradikalen aller Zeiten sind einander sehr ähnlich, wie ja auch die Nationalisten unterschiedlicher Nationen einander ähnlich sind und international zusammenarbeiten. Das ist nur scheinbar ein Paradoxon, funktioniert aber wunderbar, weil sie in Wirklichkeit alle das Gleiche wollen, nämlich Macht und Geld.

Die Feinde der Freiheit tauchen immer wieder unter neuen Namen und mit neuen Gesichtern auf, aber sind immer wieder derselbe Typ Mensch: Heute für den Kaiser und morgen für Hitler - Hauptsache einer schafft an.

Kino: Die Nacht der 1000 Stunden, Regisseur: Virgil Widrich, Premiere am Mittwoch, 16. November, 20 Uhr, Mozartkino, Salzburg.


Quelle: SN

Aufgerufen am 21.09.2018 um 06:26 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/die-nacht-der-1000-stunden-faschismus-beginnt-in-den-traeumen-887224

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