Kunst

Die Rolling Stones weisen dorthin, wo das Echte wohnt

Nach Jahrzehnten in der Langeweile der Dauerwiederholung besinnen sich die Stones ihres Stammes und hacken einfach drauflos.

Die Rolling Stones weisen dorthin, wo das Echte wohnt SN/ap
Mick Jagger und die Stones melden sich zurück.

Elf Jahre ist es her, das letzte Studioalbum der Rolling Stones. "A Bigger Bang" hieß es und die Songs fanden mühelos Platz in der Sammlung von Belanglosigkeiten, die die Stones ab den frühen 1980er-Jahren lieferten. Die Legende der größten Band der Welt überstrahlt seit gut drei Jahrzehnten ja die Untiefen ihres künstlerischen Schaffens ohnehin.

Die lange Zeit des Wartens wird regelmäßig durch allerlei Gossip-Meldungen oder Buchveröffentlichungen, durch neue Film-Dokus oder das wiederkehrende Aufwärmen der ewig gleichen Setlists auf Live-Mitschnitten verkürzt. Auch wenn nichts ist, sind die Stones nie weg. Nun kommen sie richtig zurück - und das gleich auch in metaphorischer Hinsicht.

Am Donnerstag kündigten die Stones ein neues Album an. "Blue&Lonesome" wird es heißen. Es wird am 2. Dezember erscheinen - und geschäftstüchtig vorausschauend, wie ein globales Unternehmen wie die Stones eben arbeiten muss, kann es schon vorbestellt werden. Man muss ja planen können mit den Einnahmen.

"The Rolling Stones announce their return to the Blues with a new album", lassen sie großspurig verkünden am Tag, bevor sie in Kalifornien bei einem Veteranentreffen auftreten, bei dem auch Bob Dylan, Paul McCartney, Neil Young, Roger Waters und The Who gastieren.

In der Ankündigung, zum Blues zurückkehren zu wollen, liegt auch ein Eingeständnis. Die Band hat sich vom Blues, der ihre Basis war, mit den Jahren immer weiter entfernt. Zeitweilige Bandmitglieder wie Bill Wyman oder Mick Taylor hingegen blieben der Urkraft immer treu. Wyman, Bassist der Stones fast von Beginn an bis 1993, legte ein tiefgefühltes Bekenntnis zum Blues zuletzt im vergangenen Jahr mit dem Album "Back to Basics" ab. So legen es nun seine Ex-Kollegen auch an.

Das neue Album wird - so zumindest darf sich die Hoffnung nach ersten Informationen und den ersten Tönen einschleichen - nach langer Zeit tatsächlich so etwas wie ein "real thing". Ganz frische Ware, auch wenn Zeugs zu hören sein wird, das älter ist als die Stones selbst. "Blue&Lonesome" huldigt alten Helden des Blues - und damit den wichtigsten Inspirationsquellen der Stones.

Der erste veröffentlichte Song, "Just Your Fool" von Little Walter, löst ein Versprechen ein, das die Stones in ihren ganz frühen Jahren gaben und das im Lauf des Größer-und-berühmter-Werdens langsam vergessen wurde: Die Gitarren von Keith Richards und Ron Wood treiben rau voran. Jaggers Stimme kracht. Eine Mundharmonika atmet Vergangenheit. Noch einmal soll alles so spontan und direkt, so live und bedingungslos klingen wie damals, bevor es richtig begann.

Dartford, nahe London. Herbst 1961. Der, den wir als Mick Jagger kennenlernen werden, wartete mit Schallplatten unterm Arm auf einen Zug. Der, der uns als Keith Richards unterkommen wird, grüßt den aus der Schule flüchtig Bekannten. Und dann sieht Keith, dass die Platten, die Mick unterm Arm hat, vom Blues-Label Chess aus Chicago sind: Chuck Berry, Little Walter und Muddy Waters. Dazu noch Big Bill Broonzy und Howlin' Wolf. Helden! Jedenfalls Helden vom Blues-Fan und Nachspieler Richards.

"Was, du hast Chuck Berry?!", fragt er. "Ich hab mehr davon", sagt der andere. Und heute, da Mick Jagger der größte Geschäftsmann des Rock ist, kann man sich vorstellen, dass da durchaus ein bisserl Überheblichkeit in seiner Stimme mitschwang.

Dieser Moment auf dem Bahnsteig jedenfalls veränderte das kulturelle Gesicht des 20. Jahrhunderts, weil da zwei markante Gesichter auftauchen, von denen man nun - fast 60 Jahre später - sagen kann, dass sie ohne einander weit weniger gewesen wären.

Der eine also wird singen. Der andere wird Gitarre spielen. Es ist der Urknall. Ein halbes Jahr später gehören beide zur Band eines gewissen Brian Jones, die Rolling Stones heißt. Und nun - 55 Jahre später - kracht der Sound, auf dem die Stones ihr Imperium aufgebaut haben, noch einmal aus ihrer eigenen Hand in eine Welt, die anders wurde - auch weil es die Stones gibt.

Im vergangenen Dezember holten sie das Gefühl von einst zurück. In bloß drei Tagen haben sie in den British Grove Studios in West London die zwölf Songs für "Blue&Lonesome" aufgenommen und sich dabei tief vor dem Werk der Helden wie Little Walter, Eddie Taylor, Lightnin' Slim oder Willie Dixon verbeugt. Auf den Schultern dieser Bluesmeister standen die Stones ab jenen Tagen, als sie ihre ersten Auftritte hatten in Pubs und Clubs in der Nähe jenes Studios, wo sie nun ihr neues Album einspielten.

Und weil für kommendes Jahr auch von einer Tournee - angeblich mit Abstecher nach Wien - die Rede ist, bleibt nur eine Frage: Werden die alten Herren doch noch einmal ihre seit etwa 1977 zu Tode gespielte Best-of-Liveliste ausmisten und dann auch auf der Bühne zum "real thing" zurückkehren?

Aufgerufen am 22.05.2018 um 11:47 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/die-rolling-stones-weisen-dorthin-wo-das-echte-wohnt-996742

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