Kunst

Die Trauer hat Nick Cave verändert

Ein nur am Donnerstag in einigen Kinos laufender Dokumentarfilm erzählt von Nick Cave und dessen Schmerz, aus dem sein neues Album entstanden ist.

Nick Cave and the Bad Seeds waren mitten in Aufnahmen zum Album "Skeleton Tree", als im Juli des Vorjahres Caves 15-jähriger Sohn Arthur tödlich verunglückte. Die Trauer um das Kind veränderte den Musiker. Am Freitag erscheint das Album. Statt eine Promotiontour zu machen, ersuchte Cave den Regisseur Andrew Dominik ("Killing Them Softly"), einen Film zu drehen, in Schwarz-Weiß und 3D.

"Once More With Feeling" war bei den Filmfestspielen Venedig - vorgestellt von Andrew Dominik selbst, dem eine herzzerreißende Dokumentation über Trauer und über den kreativen Prozess Nick Caves gelungen ist. Am Donnerstag ist der Film einmalig in ausgewählten Kinos weltweit zu sehen.

SN: Wie ist Nick Cave auf Sie gekommen?
Andrew Dominik: Wir kennen einander seit 30 Jahren und sind in den letzten zehn Jahren Freunde geworden. Nachdem Arthur verunglückt war, haben wir ihn alle besucht - der Film ist ein Resultat davon, weil er nicht hinausgehen und eine Platte verkaufen wollte, wie er das üblicherweise täte. So vieles auf dieser neuen Platte hat mit Arthurs Tod und der Trauer um ihn zu tun, und er müsste in Interviews über den Kontext reden, in dem diese Songs entstanden sind. Und da dieser Kontext so schmerzhaft und roh ist, wollte er das nicht gegenüber Leuten tun, die er nicht kennt, sondern lieber bei jemandem, der sich um ihn sorgt. Anfangs konnte er über Arthur und seinen Tod nur abstrakt sprechen, im Zusammenhang mit dem Songschreiben. Dieses Trauma ist noch jenseits aller formulierbaren Gefühle.

SN: Hatte Nick Cave das letzte Wort, was im Film vorkommt?
Wir hatten ausgemacht, dass er am Ende alles herausschneiden darf, womit er nicht einverstanden ist. So habe ich ihn überzeugt, mir zu vertrauen. Aber er ließ alles drin. Er wollte diesen Film ja nicht machen. Er wollte, dass es den Film gibt. Deswegen brauchte er ein Gegenüber, das ihn ansieht, weil er sich selbst nicht anschauen wollte in diesem Zustand.

SN: Der Film hat also noch eine andere Funktion als die Promotion des neuen Albums?
Ich glaube nicht, dass er darüber so genau nachgedacht hat. Nick setzt sich nicht hin und plant eine Strategie. Aber er hat den Instinkt, mit Dingen umzugehen, indem er sie fiktionalisiert. Das tut er in seiner Musik, und das tut er auch hier: Er erzählt sich selbst eine Geschichte über etwas, das passiert ist. So wird es verständlich und bewältigbar. Sein Instinkt ist: "Wenn ich das tue, wird mir das vielleicht irgendwie helfen." Ich glaube zwar nicht, dass es ihm geholfen hat, aber er ist eben ein Künstler. Er schafft ununterbrochen Dinge, er kann nicht anders.

SN: Können Sie sagen, wie sich das Album durch Arthurs Tod verändert hat?
Nun, die Bad Seeds haben ja an der Platte gearbeitet, als es passiert ist. Dadurch hat sich alles verändert, alles ist gestoppt. Und dann hat er Warren (Warren Ellis, Komponist und zweitwichtigstes Mitglied der Bad Seeds) angerufen.

Der Song am Ende des Films, diese Aufnahme ins iPhone, das ist eine Version von "Skeleton Tree", die er einfach nur ins iPhone gesungen hat. Die hat er zwei Wochen nach dem Unglück an Warren geschickt. Das ist unglaublich, wie eine Alan-Lomax-Aufnahme (der Musikethnologe Lomax nahm ab den 1930er-Jahren in den USA und auf der ganzen Welt volkstümliche Musik auf), so roh und unmittelbar. Ich glaube, Nick dachte, wenn er bald wieder ins Studio geht, würde er irgendwie in der Lage sein, sich wieder zu finden. Und dann ging er ins Studio und realisierte schnell, dass das nicht funktionieren würde. Aber zumindest war das die Intention.

SN: Da Sie einer der wenigen sind, die die momentane Arbeitsweise der Bad Seeds kennengelernt haben: Was können Sie uns davon erzählen?
Sie sind ziemlich besessen vom Momentum des Ungewissen. Das läuft prinzipiell so ab, dass Warren Ellis mit irgendeinem Loop anfängt, und Nick sagt irgendwann: "Lass mich dazu irgendwas probieren." Er hat ein Notizbuch voller potenzieller Songtexte und beginnt dann daraus zu singen, noch ohne zu wissen, wohin er damit will. Er hört das selbst zum ersten Mal, wenn er es singt. Daraus hat sich eine Obsession entwickelt: Die beiden suchen nach dem Augenblick, bevor so ein Ding oder eine Idee geformt ist, weil nur dann Unvorhergesehenes geschehen kann. Sie nehmen auch konventionell auf, aber die bemerkenswertesten Momente gelingen ihnen, noch bevor etwas konkret ist, wenn es noch aus dem Unterbewusstsein kommt. "Push the Sky Away" war der Beginn dieser Arbeitsweise und "Skeleton Tree" geht nun weiter in diese Richtung.

SN: Diese Art des Songschreibens hat Nick Cave erst mit Warren Ellis entwickelt?
Ja, Warren ist entscheidend in diesem Prozess, denn Nick darf einfach nicht wissen, wo die Reise hingeht, und im besten Fall erwacht dabei dann ein Song zum Leben. Die Bad Seeds nehmen so stundenlang Material auf, auch ich hab jetzt Tonnen davon, und vieles davon ist großartig, aber es wird niemals auf einer Platte landen. Sie gehen nur den Ideen nach, die auf Anhieb funktionieren, und wenn es gut ist, ist es damit erledigt. Und wenn nicht, schmeißen sie die Idee einfach weg. Ich halte das für eine clevere Art, Dinge zu tun, denn so bewegt man sich immer vorwärts: Man hält sich an die guten Momente, und den Rest vergisst man.

Kino: Nick Cave and the Bad Seeds, Regie: Andrew Dominik. Spielzeiten unter www.onemoretimewithfeeling.film - der Film läuft am Donnerstag, 8. Sept., in Linz (Movimento), Graz (Kiz Royal), St. Pölten (Paradiso), Innsbruck (Leokino), Bregenz (Zebra) und Wien (Gartenbaukino u. a.).

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.09.2018 um 07:46 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/die-trauer-hat-nick-cave-veraendert-1091881

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