Kunst

Die Traurigen erahnen das Göttliche

Mithilfe von Kunstwerken lassen sich Berührungslinien zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen abtasten.

Dem Traurigen ist das Normale zu eng. Die zeitliche Grenze einer Begegnung oder sogar das Ende eines Freundeslebens mag und kann er nicht hinnehmen. Schlimmstenfalls verliert er dabei die Fassung des Rationalen: Das Gesicht verfällt, das Reden verstummt, und jedes erklärende Warum ist unbeantwortbar. So einen Ausbund an Traurigkeit, wie ihn Peter Paul Rubens gemalt hat, ist seit Freitag im Domquartier zu betrachten.

Diese Traurigen stehen noch dazu um jenen Toten, der als Sohn Gottes gekommen ist. Jetzt sind seine Augen leer, sein regloser Körper ist eisig grau wie abgestandenes Eis. Der vom Nagel durchbohrte blutige Fuß streckt sich dem Betrachter entgegen. Wenigstens in dieser in hinreißenden Farben und packender Komposition abgebildeten Geschichte werden die Traurigen recht behalten: Es gibt etwas, das über die Naturgesetze hinauswirkt.

Nicht so sehr, weil die traurigen Menschen da um den toten Gottessohn stehen, sondern weil dieses Bild weiterweist auf das Bezwingen des normalen, biologisch schlüssigen Endes, führt es zur wundersamen Schwelle zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen. Solche Berührungslinien tastet die neue Ausstellung mit dem Titel "Menschenbilder - Götterwelten" ab, mit denen die Fürstliche Sammlung Liechtenstein ein Festspiel in Salzburg gibt.

Seit Langem hege er den Wunsch, in Salzburg bildende Kunst im Sommer mit ebenso hohem Anspruch zu bieten wie Musik und Theater, sagt Sammlungsleiter und Kurator Johann Kräftner. Nun sei dies gelungen. Mit "Menschenbilder - Götterwelten" werde Salzburg ein "Mekka für Kunstfreunde, wo man hinpilgern muss, um das Beste vom Besten zu sehen". Die Sammlung Liechtenstein habe "eine Blütenlese" ins Domquartier gebracht und dies mit Leihgaben unter anderem aus der Wiener Akademie der bildenden Künste ergänzt. So prangen nun Gemälde Peter Paul Rubens' im Domquartier in hier noch nie da gewesener Grandezza und Dichte.

Insgesamt sei die Ausstellung mit Bildern in der Residenzgalerie und Skulpturen im Nordoratorium "wahrscheinlich die schönste, die bisher unter meiner Leitung umgesetzt worden ist", sagt Johann Kräftner. In einem Raum voller Madonnen sei abzulesen, wie aus dem zunächst steifen Abbild nach und nach ein lebendiges, individuelles Kind werde, das erst eine Zuwendung zur Mutter zeige und dann mit Blick oder Geste sogar den Betrachter einbeziehe, erläutert der Kurator. So werde deutlich, "dass Gott ein lebendiger Mensch ist".

Auch im Lesen und im Schreiben sind Erleben und Erfahren weit über das biologisch begrenzte Leben auszudehnen, und einmal gefundene Wahrheit ist über Generationen weiterzutragen. Dies bezeugen drei Gemälde des heiligen Hieronymus - eines von Anthonis van Dyck - sowie ein lesender Johannes von Guido Reni.

Gleich ums Eck vom doppelt beweinten Christus - ein Mal Rubens, ein Mal Michael Rottmayr - packt ein Göttinnensohn eine nackte Schöne mit sich auflösendem blondem Haar und üppigen Hüften. Boreas, Sohn des Titanen Astraios und der Göttin Eos, hat sich da die athenische Königstochter Oreithyia geschnappt. Was für ein Himmelsflug! Welch graziöse, kraftvolle, barocke Körperverschlingung! Um so ein grandioses Gemälde in Salzburg zu zeigen, nimmt es der Kurator mit theologischer Präzision nicht genau, sondern folgt eher dem, wofür Peter Paul Rubens viele seiner Bilder gemalt hat und wofür die Fürsten von Liechtenstein offenbar auch sammeln: Repräsentation und prachtvolle Ausstattung. Und da die Fürsterzbischöfe ihre Residenz mit ähnlichem Ansinnen gebaut haben, fügt sich solche Kunst fabelhaft in diese Architektur.

Wie eklektisch "Menschenbilder - Götterwelten" gestaltet ist, zeigt sich auch im Nordoratorium. Auf mittiger Achse neben dem Hauptschiff des Domes steht zwischen leidendem Sebastian von Adrian de Fries und Christus am Kreuz von Alessandro Algardi ein traubenbekrönter Bacchus nach Michelangelo. Was für ein Dreiklang! Und Johannes der Täufer sinniert neben einer geraubten Sabinerin. Macht nichts! Eine Skulptur ist exquisiter als die andere, das Zusammenspiel von großen und sie umkreisenden kleinen Bronzen bietet eine endlose Augenweide - bis hin zu zwei raren Elfenbein-Kruzifixen und gar: ein Sebastian von Andrea Mantegna.

Besucher sollten nicht nur wegen der Salzburger Festspiele, sondern auch wegen der Museen nach Salzburg kommen, bestätigt Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP). Dies anzuregen sei ein Grund gewesen, das Domquartier zu schaffen, das seit 2014 wieder als "geschlossenes architektonisches Konzept" zu erleben sei. Das Barockmuseum im Mirabellgarten sei geschlossen worden, um im Domquartier "das Thema Barock groß zu spielen". Mit der Liechtenstein-Ausstellung sei dies gelungen, und zwar auf so hohem Niveau, "dass wir in die Liga vorstoßen, wo wir hingehören: in die europäische".

Das Domquartier solle mehr bieten als einen Rundgang durch Architektur, kündigt die Direktorin Elisabeth Resmann an. Mit "Menschenbilder - Götterwelten" werde ein Anfang für große Ausstellungen gesetzt. Allerdings: "So Hochkarätiges wie jetzt wird es in Salzburg so schnell nicht mehr geben."

Ausstellung: Menschenbilder - Götterwelten, Sammlung Liechtenstein, Domquartier, Salzburg, bis 16. Okt.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 08:00 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/die-traurigen-erahnen-das-goettliche-1208881

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