Kunst

Dirk Stermann erzählt die Leiden des jungen Claude

Dirk Stermann hat einen sehr traurigen Roman geschrieben und geht damit auf Lesereise.

Dirk Stermann erzählt die Leiden des jungen Claude SN/ORF
Dirk Stermann.

Mit dem Image des Gute-Laune-Manns - etwa in der längst kultigen TV-Talkshow "Willkommen Österreich" - reicht es Dirk Stermann jetzt. Sein neuer Roman "Der Junge bekommt das Gute zuletzt" fängt schlimm an, um nur noch finsterer zu werden. Dass dennoch nicht die Tristesse obsiegt, liegt an der Anlage der Geschichte, die Ansätze des Romans, sich mit einer klassisch realistischen Erzählhaltung zu bescheiden, unterminiert. Gerade noch glaubt man sich durch Szenen des heutigen Wien bewegt zu haben, schon setzt ein Kippeffekt ein und wir finden uns in einer Groteske wieder. Ein bisschen Schabernack und Unsinn muss sein, Witziges und Haarsträubendes ergibt sich wie nebenbei. Das dient als Auflockerungsübung ebenso wie als Stilmittel, dem Befund, dass es miserabel bestellt ist um unsere Gesellschaft, größere Schlagkraft zu verleihen.

Dem 14-jährigen Claude widerfährt das Unheil, vom Schicksal mit schrecklichen Eltern bedacht worden zu sein. Die Mutter haut mit Claudes jüngerem Bruder und einem Panflötenspieler ab nach Peru. Der Vater ist damit ausgelastet, einen Ausgleich zwischen seiner mediokren Karriere als Posaunist in Linz und seiner neuen Lebens gefährtin zu finden. Und die dicke Großmutter überschreitet nicht das Niveau einer Fressmaschine. Claude bleibt allein mit sich und seinen Problemen in Wien. In einem serbischen Taxifahrer findet er einen Ersatzvater und Mentor, der ihm die notwendigen Handgriffe zum Überleben beibringt.

Aus der Innensicht des Jugend lichen erzählt Stermann diese Geschichte einer Vernachlässigung und des Trotzes. Dabei ist Claude keiner, der aufbegehrt. Überraschend still schluckt er die Zumutungen, aber er entdeckt den Starrsinn in sich, auf keinen Fall untergehen zu dürfen. Er ist der Vernünftige in einer Familie der Gewissen losen, der Bedächtige in einer Gesellschaft der Grobschlächtigen.

Der Roman zeichnet ein Bild von Wien als Stadt der Subgesellschaften. Der klassische Gesellschafts roman verlässt sich ja auf die Vorstellung, dass die Bevölkerung ein weitgehend homogenes Gebilde ergibt. Nichts davon bei Stermann, der einen Anti-Gesellschaftsroman vorlegt. Die Gesellschaft ist in Auflösung begriffen, die Familie, die sie als stabiler Faktor so lang repräsentieren durfte, zerbricht sowieso.

Aber jetzt, da Claude auf sich allein zurückgeworfen ist und sich neue Seilschaften suchen muss, erfahren wir von einem komplexen System von Subgesellschaften, die längst existieren und ein Schattenwesen im nicht einsehbaren Raum führen. Es gibt die Elitegruppe der brutalen Schnösel im Gymnasium, die geheimen Verbindungen des serbischen Taxifahrers und die Problemkinder aus Floridsdorf, die auf einem Schulschiff auf der Donau zusammengefasst sind und unter denen sich Claude immerhin auf Zeit gut aufgehoben fühlt. Aber wenn es Claude gar zu gut geht, kommt garantiert ein Rückschlag.

Nicht umsonst kennt Claude die Gegengeschichte zum geschönten Habsburg-Wien so genau. Für ihn ist Wien eine Stadt der versteckten Rohheit, die aus der Geschichte kommt und die er aus eigenem Erleben kennt. Der Terror unter Zuckerguss, kein Wunder, dass sich Claude am Ende aus der Gesellschaft verabschiedet irgendwo in die Wildnis des Donauufers. "Ich war nicht einsamer als der Nordstern, der Südwind, ein April-Schauer, Jänner-Tauwetter oder die erste Ameise in einem neuen Haus." Trost sieht anders aus!

Buch: Dirk Stermann, Der Junge bekommt das Gute zuletzt, Roman, 223 Seiten, Rowohlt, Reinbek 2016.

Quelle: SN

Aufgerufen am 16.11.2018 um 07:06 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/dirk-stermann-erzaehlt-die-leiden-des-jungen-claude-869029

Schlagzeilen