Kunst

Dokumentation: Wenn Häuser sprechen könnten

Was kann Robert Redford einem Gebäude entlocken? Wim Wenders bat Kollegen, "Kathedralen der Kultur" zu befragen.

Das Haus hat eine sanfte Frauenstimme und spricht Englisch mit skandinavischem Akzent: "Ich sehe, wie du ganz allein bist. Ich bin da, wenn du mit dir selbst redest." Als das "humanste Gefängnis der Welt" gilt das Gebäude. Wie ein Dorf ist die Anlage im norwegischen Halden konzipiert. Und in dem Film "Kathedralen der Kultur" hat das Gefängnis sprechen gelernt.

Am Beginn dieses speziellen 3D-Filmprojekts stand eine Frage, die Regisseur Wim Wenders sich und fünf anderen Filmemachern stellte: "Was, wenn Gebäude reden könnten?" Der Frage hat Wenders den Titel "Kathedralen der Kultur" vorangestellt. Er selbst hat den ersten Film (von sechs) gedreht, über die Philharmonie Berlin, die den Potsdamer Platz mit ihrer zeltartigen Dachstruktur mitprägt. "Als Gebäude haben wir mehr Einfluss auf die Welt, als ihr glauben möchtet", lässt er die Philharmonie da sagen, mit einer reifen, kultivierten Berliner Frauenstimme, während Kamerafahrten durch das Haus bis hinauf aufs Dach führen, den Philharmonikern beim Proben zusehen, Dirigent Simon Rattle in seinem Büro begegnen. Es ist ein Gegenentwurf zum Direct Cinema eines Frederick Wiseman, der einem hier in den Sinn kommt: Seine Porträts großer Institutionen zählen zum Prägendsten, was das dokumentarische Kino der vergangenen Jahrzehnte kennt. Wenders hingegen wählt einen Zugang irgendwo zwischen "Sendung mit der Maus" und beeindruckender Architekturdoku, verschmitzt und zugleich didaktisch, aber auch schwelgerisch im Umgang mit dem Medium des 3D-Films.Glawogger kurz vor seinem TodSpannend an "Kathedralen der Kultur" ist vor allem, wie unterschiedlich die Zugänge der Filmemacher sind: Der österreichische Regisseur Michael Glawogger - sein Beitrag ist einer der letzten, die er vor seinem Tod im April fertigstellen konnte - rückte nicht die eindrucksvolle Architektur der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg in den Vordergrund. Es ist das Flackern der Neonröhren, das zum Leitmotiv wird. Die Kamera windet sich entlang orangegelb gestrichener Heizungsrohre durch ein Labyrinth aus Karteikästen, bis der Blick sich in einem Lesesaal um 360 Grad drehen kann.

Nicht das Haus selbst spricht hier, Glawogger hat Zitate aus hier versammelten Werken gewählt, die eine schleppende Männerstimme vorträgt.Robert Redford als MitwirkenderDer prominenteste Mitwirkende in Wenders Projekt ist Robert Redford. Sein eher konventioneller Beitrag über das Salk Institute in Kalifornien ist eine Hommage an Forschergeist und Philanthropie: Der Immunologe Jonas Salk entwickelte den Impfstoff gegen Polio, und nahm damit einer entsetzlichen Bedrohung ihre Macht; Redford verknüpft die Geschichte von Salk mit der Architektur des streng geometrischen Baues von Louis Kahn.

Die Norwegerin Margreth Olin befasst sich mit dem Opernhaus Oslo: ein schwärmerischer Versuch eines Tanzens über Architektur. Der letzte Teil von Karim Ainouz ist das Porträt des Pariser Centre Pompidou, dieser "Kulturmaschine", die ihre Gebäudeinnereien nach außen trägt. Michael Madsen überzeugtAm meisten überzeugt jedoch der Beitrag des schwedischen Dokumentaristen Michael Madsen über das norwegische Gefängnis Halden. Vielleicht ist dieser Teil so faszinierend, weil ein Gefängnis ein aus Filmen vertrauter Schauplatz ist. Oder, weil die oft tröstliche Stimme, die diese Räumlichkeiten da erhalten, direkt auf die existenzielle Not der Gefangenen antwortet, in einem Gebäudekomplex, in dem ein kleines Einfamilienhaus für Besucher ebenso Platz hat wie eine helle Isolierzelle, wo ein verzweifelter Häftling die Wände mit Fäkalien beschmiert hat.

Ins Kino kommen die "Kathedralen der Kultur" in verschiedenen Varianten: Die meisten Aufführungen werden die gekürzte Fassung zeigen, in der das Opernhaus Oslo und das Salk Institute fehlen.

Kathedralen der Kultur. Doku, Deutschland 2014. Regie: Michael Glawogger, Michael Madsen, Wim Wenders, Karim Aïnouz, Robert Redford, Margreth Olin. Start: 17. 10.

(SN)

Aufgerufen am 19.06.2018 um 06:34 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/dokumentation-wenn-haeuser-sprechen-koennten-3091888

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