Kunst

Don Carlos am Landestheater: Liebe verbrennt im Fegefeuer der Tyrannei

Gründlich wird das Fühlen in Friedrich Schillers Entwurf einer degenerierten Obrigkeit am Salzburger Landestheater aussortiert.

Vorbei sind die schönen Tage in Aranjuez, denn etwas ist faul im Staate Spanien. Die Geilheit auf Macht wütet dort unerbittlich nebst der Kälte zwischenmenschlicher Beziehungen. Verrat und Misstrauen sind allgegenwärtige Zwillinge. Fleißig halten sie ihre opportunen Fratzen in die Fenster politischer wie privater Gemächer.

Mit seinem Stück "Don Carlos" setzte Friedrich Schiller zwei Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution der Verrohung machthungriger Seelen ein aufklärerisches Denkmal. Als Mikrokosmos wählte er ein konfliktreiches Familientableau des 16. Jahrhunderts nach historischer Vorlage, angesiedelt am spanischen Hof von Philipp II.

Alexandra Liedtke nimmt es nun mit diesem Klassiker im Salzburger Landestheater auf. Im Gepäck hat die wiederkehrende Gastregisseurin ihre bewährten Mitstreiter Karsten Riedel (Musik) und Raimund Orfeo Voigt (Bühne). Letzterer ist ein begnadeter Architekt assoziativer Gedankenwelten. Und so lässt Voigt effektvoll die moralische Schieflage Schillers auf steil geneigter Bühne spielen. Eine Herausforderung, die das gesamte Ensemble hervorragend meistert. In die cleanen Gänge ragt raumgreifend mit Mikrofonen beohrt ein schwarzes Loch. Dort haust die unberechenbare Black Box entmenschlichter Leere. Verschanzt hinter hohen Krägen - wunderbare Kostüme von Johanna Lakner - erstickt die Leidenschaft im Keim. Straff schnürt die Staatsräson ins Zeremonienkorsett und gab dem Kronprinzen seine Verlobte zur Stiefmutter.

Brillant zeigt Julienne Pfeil verrucht im saloppen Mieder oder engagiert als eigenständige Kämpfernatur chamäleonhaft die Monarchin. Gekonnt bewerkstelligt sie Schillers Sprache. Ihr an den Lippen hängt aufgepeitscht in hitziger Verlorenheit der Don Carlos von Gregor Schulz. Mit plastischer Fiebrigkeit arbeitet sich der junge Mime famos durch die Befindlichkeiten der Titelrolle und überzeugt in jedem Moment mit größter Durchlässigkeit. Ihm vordergründig zur Seite steht Namensvetter und Jahrgangskollege an der Berliner Talenteschmiede Ernst Busch Gregor Schleuning als Marquis Posa. Das Zusammenspiel der beiden Neuzugänge des Landestheaters ergibt ein mitreißendes Gespann. Sie bescheren sich selbst ein grandioses Salzburg-Debüt. Stark auch Nikola Rudle als geschasste Prinzessin Eboli. Kokett lässt sie beim Werben um den Kronprinzen nicht nur ihren schönen Busen blitzen, sondern beweist auch großes komödiantisches Talent. Klirrend kalt erschaudern hingegen Britta Bayer und Marco Dott als dogmatische Hüter der Tyrannei. Zunehmend als Fehlbesetzung entpuppt sich Marcus Bluhm. Sein König bietet zwar Präsenz, erinnert im Habitus jedoch eher an einen fahrigen Nachtclubbesitzer als an einen innerlich zutiefst zerrissenen Monarchen. Besonders offenkundig wird das Fehlen der ambivalenten Charakterfacetten in der Gefängnisszene am Schluss. Pausenloses Herumgeschrei planiert hier die Tragik der Handlung. Herrlich skurril gerät Walter Sachers' kurzer, aber prägnanter Auftritt als stoisch allmächtiger Großinquisitor.

Regisseurin Alexandra Liedtke schafft, gemeinsam mit einem durchwegs beachtlichen Ensemble, einen packenden, schlanken Schiller. Maues Stadttheater mit krachledernen Pointen sucht man hier vergebens. Frei von Fadesse zischen die Verse, einzig das interpretatorische Urteil ihrer Regie hätte schärfer ausfallen dürfen. In Summe ist das packende Bühnenkunst, die jedenfalls geschaut werden soll.

Theater: "Don Carlos" von Friedrich Schiller, Salzburger Landestheater, diverse Termine bis 30. 12.

Quelle: SN

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