Kunst

Ein Ritter sucht die Liebe - und findet ein seltsames Stück

Wie Ulrich Matthes, Matthias Goerne und Yuja Wang "Die schöne Magelone" von Johannes Brahms erzählen.

Ein Ritter sucht die Liebe - und findet ein seltsames Stück SN/sf/borelli
Erzähler Ulrich Matthes (links), Pianistin Yuja Wang, Bariton Matthias Goerne

Die Geschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence ist eine romantische Ritterromanze einer scheuen, verfehlten, verlorenen und wiedergewonnenen Liebe. Der Ton eines "Volksbuchs" erinnert an einen Groschenroman - und ist doch, in der Fassung von Ludwig Tieck, sublime Literatur.

Eingewoben in die Erzählung sind 15 Romanzen, die Johannes Brahms zwischen 1861 und 1869 zu einem offenen Zyklus verband. Die einzelnen Gesänge und Lieder (je nach Form und Ausdruck) sind nach Graden autonome Stimmungsbilder, Gefühlsmomente, Reflexionselemente, die erst in Verbindung mit der Geschichte einen geschlossenen Raum ergeben: eine verkappte Lieder-Oper aus Erzählung und Musik.

So jedenfalls konnte man die eineinhalbstündige Aufführung im "Liederabend" von Matthias Goerne am Dienstag im Mozarteum verstehen. Die gestischen Qualitäten des Vortrags ergaben plastische Bilder von ritterlicher Energie, symbolstarker Liebeserklärung, Flucht und Entfremdung, Glückssuche und Vereinsamung in fernem Land und Wiederkehr, die in trauter, gemeinsamer Idylle endet: "Treue Liebe dauert lang."

Drei gleichwertige Partner aus unterschiedlichen Disziplinen braucht es, um die auch für den Hörer nicht unanstrengende "Schöne Magelone" gleichsam straff und schweifend durchzuziehen. Sie müssen Individualitäten zeigen und sich gleichzeitig harmonisch ergänzen, um die einzelnen Elemente - Erzählung, Gesang, Klavier - zu einem Ganzen zu formen.

Ulrich Matthes bringt als Rezitator einen angenehm distanzierten, unpathetischen Tonfall in die Geschichte, bläst sie nicht auf, macht sie aber auch nicht klein. Unaufdringlich schafft er den "Sprachraum" für die vokale Differenzierung, der Matthias Goerne mit seinem so mächtigen wie im Gegenzug wieder unendlich zärtlich sein könnenden Bariton die nötige Gefühlsintensität sichert.

Die unterschiedlichen Ausdruckslagen fasst er im Detail, Romanze für Romanze, in eigene kleine Geschichten und spannt doch auch über die 90 Minuten einen intelligenten großen Bogen: Text löst Gesang löst wieder Text aus.

Zum ersten Mal an seiner Seite saß die chinesisch-amerikanische Pianistin Yuja Wang am Steinway. Sie erfasst, was wesentlich ist, mit instinktiver Bravour: den pianistisch anspruchsvollen Klangapparat. In keinem Moment hat man das Gefühl, sie könnte den enormen (technischen) Anforderungen nicht gerecht werden. Ob sie freilich auch schon im Innersten verstanden hat, was die musikalische Poesie dieser Geschichte ausmacht: Darüber mochte man sich nicht ganz so sicher sein.

Leidenschaft und Emphase, aber auch zarte Empfindsamkeiten wirkten seltsam neutral, gewissermaßen - um eine in diesen Tagen aufgeflammte Debatte über Anna Netrebkos Probleme mit dem "Lohengrin"-Text zu paraphrasieren - wie vom Teleprompter abgelesen.

Angekommen sind die Botschaften dennoch: großer, lang anhaltender Jubel entspannte die Konzentration von Publikum und Interpreten.

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