Kunst

Eine Heimkehr hat Folgen

Der italienische Dirigent Riccardo Chailly kehrte als Musikchef der Scala nach Mailand zurück und Leipzig vorzeitig den Rücken.

Eine Heimkehr hat Folgen SN/scala/luca pina
Musikchef der Mailänder Scala: Riccardo Chailly

Riccardo Chailly hat als neuer Chefdirigent (ab 2017) des Lucerne Festival Orchestra kürzlich das dortige Festival eröffnet und beerbt damit seinen Mentor Claudio Abbado. Dieser holte den kaum 20-jährigen Chailly in den 1970er-Jahren als seinen Assistenten an die Mailänder Scala. Das ist auch jenes Haus, dem Chailly seit Jänner 2015 als Musikdirektor vorsteht. Für den Ruf an die Scala beendete Chailly sein Chefamt beim Gewandhausorchester Leipzig vorzeitig und zog damit Kritik auf sich. Bei den Salzburger Festspielen gastiert er am Montag mit seinem neuen Orchester und einem italienischen Programm.

SN: Sie haben das Lucerne Festival mit Mahlers Achter eröffnet und damit den Mahler- Zyklus Claudio Abbados vollendet. Wie war für Sie diese erste Eröffnung als neuer künstlerischer Leiter?

Chailly: Diese Eröffnung eines der renommiertesten europäischen Klassikfestivals war beflügelt von großer Konzentration und großen Gefühlen. Luzern fühlt sich aber auch nach zu Hause an. Ich bin seit 20 Jahren Gastdirigent. Das Publikum hat sozusagen eine Langzeitbeziehung mit meiner Musik. Es erfüllt mich mit Stolz, die Tradition von Claudio Abbado fortzuführen.

SN: Die Festrednerin des Lucerne Festivals, Barbara Hannigan, sprach von der Diskrepanz zwischen Publikumspräferenzen und zeitgenössischer Musik. Warum ist es wichtig, das Publikum mit Zeitgenössischem zu konfrontieren?

Ich widme mich seit den frühesten Jahren meiner musikalischen Laufbahn dem Zeitgenössischen, weil Musik den permanenten Kontakt zum Heute braucht! Ich kenne das Problem halb leerer Konzertsäle, weil ein zeitgenössisches Programm gespielt wird. Es ist eine Herausforderung, die Menschen kommen zögerlicher.

SN: Wie wählen Sie unter zeitgenössischen Werken aus?

Man muss eine einwandfreie Qualität der Darbietung sicherstellen. Die Musiker müssen sich dem Stück hingeben. Dann ist selbstverständlich die Qualität des Stücks an sich entscheidend. Es muss etwas sein, von dem man glaubt, dass es gekannt werden soll. Der Parameter einer solchen Wahl ist immer der persönliche Instinkt. Aber Zeitgenössisches ist immer ein Risiko.

SN: Im Vorfeld gab es Aufregung, weil Sie in Luzern Musiker Ihres ehemaligen Orchesters, des Gewandhausorchesters, gegen Musiker Ihres neuen Orchesters, der Filarmonica della Scala, getauscht haben.

Das Luzerner Festivalorchester ist ein Projektorchester, das heißt: Die Mitglieder wechseln. Das Programm gibt die Anzahl der Musiker vor. Deshalb habe ich Musiker der Scala geholt. Oft wird ohne Kenntnis kritisiert.

SN: Wie kam Ihr Wechsel von Leipzig nach Mailand zustande? 2013 haben Sie den Vertrag in Leipzig verlängert, dann 2015 vorzeitig gelöst.

Beide Engagements wären nicht gleichzeitig möglich gewesen. Ich war über zehn Jahre in Leipzig. Neben musikalischen Überlegungen kamen private Entscheidungen hinzu. Ich bin über 60, meine Familie und ich leben in Mailand. Das Angebot der Scala kam nach der Vertragsunterzeichnung in Leipzig.

SN: Welchen Fußabdruck möchten Sie in Mailand hinterlassen?

Das Programm in Salzburg (Rossini, Verdi, Cherubini, Anm.) spiegelt exakt mein Vorhaben wieder: ein italienisches Programm, das Einflüsse anderer europäischer Kulturen in sich trägt. Ab September gehen wir damit auf Tournee, mit dabei haben wir auch einen Abend mit Werken von Robert Schumann. Ich möchte mich an der Scala auch dezidiert der mitteleuropäischen Kultur widmen.

SN: Was sind Ihre Pläne für das Opernrepertoire?

Der Ausgangspunkt für die Planung sind Werke, die an der Scala uraufgeführt wurden. Fokus ist klarerweise das italienische Fach, weil die Scala damit zu Weltruhm gekommen ist.

Aber ich will die Tür offen lassen. Ballettmusik und Zeitgenossen werden fixe Standbeine sein. Wir haben ja auch ein heterogenes Publikum.SN: Sie planen Puccinis Opern auch für Fernsehen und DVD?

Heutzutage kann man DVD und digitale Aufnahmen nicht ignorieren. Im Gegenteil, man sollte Projekte so breit wie möglich aufstellen. Es ist ein Projekt, das Puccinis Genius nachspürt. Wir werden seine gesamten zwölf Opern innerhalb von acht Saisonen aufführen. Ich wünsche mir, dass dieses Projekt Puccinis Opernwerk weltweit ins Gespräch bringt. Einige seiner Werke werden vom Repertoire vernachlässigt, wenn nicht vergessen. Es tut also eine wahre Wiederaufnahme not. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, weil wir neue Editionen von Urfassungen haben, wo man die Grundideen des Komponisten präzise verfolgen kann.

SN: In Mailand arbeiten Sie mit Alexander Pereira. Wie geht es Ihnen miteinander Alexander Pereira kennt meinen musikalischen Standpunkt gut und teilt meine Musik- und Repertoirewahl. Wir arbeiten innerhalb einer strengen Aufgabenteilung wirklich zusammen, das ist mir wichtig. Kern dabei ist sicherlich das erwähnte Puccini-Projekt.

Quelle: SN

Aufgerufen am 19.11.2018 um 06:58 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/eine-heimkehr-hat-folgen-1146610

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