Kunst

"EntArteOpera" erzählt "Geschichte der zweiten Generation"

Zweimal hat Baruch Milch seine Geschichte aufgeschrieben. Das erste Tagebuch, verfasst im Versteck in Polen, wurde erst nach seinem Tod wiederentdeckt. Kurz davor hatte er ein neues gefüllt. "Gesprochen hat er nie darüber", sagt die Komponistin Ella Milch-Sheriff, seine Tochter, im APA-Interview. Am 7. September wird ihre Oper "Baruchs Schweigen" das EntArteOpera-Festival im Semperdepot eröffnen.

Der Holocaust, verschwiegen und doch immer präsent für die neue, schon in Israel geborene, Generation: "Wenn das Thema aufkam, begannen seine Augen zu tränen und er verließ den Raum. Als Kind versteht man das nicht, wir haben sehr darunter gelitten", erzählt die Komponistin in perfektem Deutsch. Drei Jahre lang lebte sie in Deutschland, lernte die Sprache als Mezzo-Sopranistin zunächst über Opernlibretti, über die großen Themen von Liebe und Tod.

Sie habe sich immer geweigert, Jiddisch oder Polnisch zu sprechen, wollte ganz Hebräerin sein. "Es war gut für mich, Deutsch zu lernen und damit die Basis für einen Dialog mit den Menschen zu schaffen", sagt sie heute. Ihre Oper, mit der sie die Geschichte ihres Vaters erzählt und selbst verstehen wollte, "was da durch meine Adern strömt", wurde in Deutschland uraufgeführt, in Wien ist nun bereits die vierte Produktion entstanden. "Es bedeutet mir sehr viel, dass es in dieser Stadt ist."

Es ist keine KZ-Oper, nicht einmal wirklich eine Holocaust-Oper. "Es geht um Flucht, um das Überleben, um Schuldgefühle und die Unfähigkeit, mit ihnen umzugehen. Eigentlich ist es die Geschichte der zweiten Generation." Mit dreizehn Jahren entdeckte Milch-Sheriff ein altes Buch im Regal und fand darin eine schockierende Wahrheit: Dass ihr Vater damals in Galizien schon eine Frau und ein Kind gehabt hatte, die in einem Pogrom ermordet wurden.

Erst kurz vor seinem Tod erfuhr sie mehr, von dem Vater, der als Arzt viele behandelte - Juden und Nicht-Juden -, der vieles sehen durfte und musste, dem aus Respekt vor seiner Tätigkeit sogar die Möglichkeit zur Flucht eingeräumt wurde. Dennoch konnte er nicht den Tod seiner Frau, seines Kindes, seines Neffen verhindern. "Die Oper basiert auf diesen Ereignissen - aber sie ist ein Kunstwerk, kein historisches Dokument."

Die Verfasstheit der zweiten Generation, der Israelis, die in traumatisierten Elternhäusern aufgewachsen sind, die statt an die schwere Vergangenheit lieber an die Zukunft denken wollten, sei auch der Schlüssel zum Verständnis der heutigen Konflikte in ihrem Land, ist Milch-Sheriff überzeugt. "Die Vergangenheit spielt dabei immer eine Rolle - nur wird sie leider in zwei gegensätzlichen Richtungen interpretiert: Die einen sind zutiefst davon überzeugt, dass alle uns vernichten wollen, sobald wir nur ein kleines Zeichen von Schwäche zeigen. Die anderen sehen, dass wir jetzt stark sind, dass wir jetzt anderen Verständnis und Gnade entgegenbringen müssen." Die Hoffnung hat die in Haifa aufgewachsene Komponistin noch nicht aufgegeben: "In meiner Heimatstadt hat das Zusammenleben gut funktioniert. Ich weiß, es ist möglich. Wir haben noch längst nicht alles versucht."

Neben Oper mit "Baruchs Schweigen" ist bei "EntArteOpera" auch die Theater-Uraufführung "Kein Mond, kein Taxi" von Theresa Thomasberger, die Ausstellung "Marsch der Frauen" in der Akademie der Bildenden Künste sowie eine Reihe von Konzerten programmiert. Ein Symposium am 16.9. widmet sich der Frage: "Sind Komponistinnen entartet?"

(S E R V I C E - www.entarteopera.at)

Quelle: APA

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