Kunst

Er dirigiert schon souverän wie ein erfahrener alter Hase

Lorenzo Viotti, Vorjahressieger des Young Conductors Award, leitete am Sonntag sein erstes "offizielles" Festspielkonzert.

Er dirigiert schon souverän wie ein erfahrener alter Hase SN/sf/marco borelli
Lorenzo Viotti SF/MARCO BORELLI

Er hat es schon geschafft. Im Vorjahr gewann der erst 25-jährige Lorenzo Viotti in souveräner Manier den Young Conductors Award in Salzburg. Jetzt konnte der mittlerweile international gefragte Dirigent mit dem Preisträgerkonzert, das mit dem Gewinn des Award verbunden ist, sozusagen sein offizielles Salzburger Festspieldebüt geben. Er tat es am Sonntagvormittag in der Felsenreitschule mit einem ausschließlich russischen Programm, das dramaturgisch ambitioniert gewählt war.

Der Rausschmeißer kam gleich zum Auftakt: die Ouvertüre zur Oper "Colas Breugnon" (1936-1938) von Dmitri Kabalewski, witzig und brillant hingelegt. Die beiden Hauptwerke des Programms entstanden fast zeitgleich, 1901 bzw. 1902. Das eine ist weltberühmt, das andere ruht unter den Raritäten russischer Symphonik. Im ersten Fall handelt es sich um das 2. Klavierkonzert von Rachmaninow, im zweiten um die 2. Symphonie von Alexander Skrjabin.

In beiden Fällen muss sich interpretatorische Meisterschaft auf je eigene Art erproben. Mit feinem Klangsinn erlag das bestens eingestellte ORF Radiosymphonie-Orchester Wien bei Rachmaninow nicht dem vordergründigen Popularitätsdruck. Durch die kluge dirigentische Steuerung schlug Lorenzo Viotti einen unsentimentalen Bogen über die drei Sätze, traumschön im eröffnenden Moderato, mit wohlgesetzten Steigerungswellen, mit feinen, weich und schmiegsam blühenden Soli von Klarinette und Flöte im Mittelsatz, mit dosiertem Schwung im Finale.

Freilich: Die Georgierin Khatia Buniatishvili ist dafür die ideale Solistin. Kein Gran Fett in ihrem kontrollierten, gleichwohl betörend in feinsten Farben schillernden Spiel, das sie fabelhaft mit dem Orchester in Einklang bringt, keine vordergründige Virtuosinnen-Attitüde also, sondern brillantes Miteinander-Agieren in sehnsuchtsvoller Sanglichkeit ebenso wie im agilen Weben zarter Scherzando-Gespinste, in fast impressionistischer Stimmungsmalerei wie im Setzen kerniger Akzente. Das war ein Rachmaninow, bei dem man die Ohren spitzte. Mucksmäuschenstill war es im Auditorium auch, als die Pianistin zwei filigrane Zugaben nachschickte: Khatia Buniatishvili, die zarteste Versuchung, seit es "piano" gibt . . .

Damit war es nach der Pause vorbei. Skrjabins 2. Symphonie ist ein pompöser, monumentaler Dreiviertelstünder, der sich länger anfühlt, als er ist. Das Hitzköpfig-Leidenschaftliche, das Schwärmerische, das feurig Bombastische, das wild sich Gebärdende und Ungestüme verlangt immer wieder nach Bändigung, weil sonst feinere Details vor allem im Bläsersatz unterzugehen drohen. Lorenzo Viotti tarierte die Temperamente zwar gut aus, aber über (noch von Tschaikowsky, Liszt und Wagner, der in der Attitüde von "Parsifal" bis zu den "Meistersingern" durch die Partitur spukt, geprägte) klangliche Zustandsbeschreibungen kommt das Werk weder hinaus noch symphonisch in zwingenden Schwung. Da hat es sich ein würdiger Preisträger nicht leicht gemacht.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 03:09 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/er-dirigiert-schon-souveraen-wie-ein-erfahrener-alter-hase-1180009

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