Kunst

"Fäden helfen uns"

Konzerte. Ein Konzertprogramm zu erstellen sei so, "wie wenn man einen Klangteppich webt", sagt Florian Wiegand.

"Fäden helfen uns" SN/Copyright by: FRANZ NEUMAYR Pres
„Ein Faden führt von Beethoven zu Bártok und zu Kurtág oder Eötvös“, sagt Konzertchef Florian Wiegand.

Das Konzertprogramm für einen Salzburger Festspielsommer entstehe im Diskurs mit vielen Künstlern, erläutert Konzertchef Florian Wiegand. Die Gespräche zögen sich oft ein, zwei Jahre hin. Was da an Fäden gesponnen werde, lasse sich dort und da ablesen - an Ideen, Konstellationen und Verwebungen. Das Programm sei "wie ein Klangteppich".
SN: Was lockt Musikliebhaber aus Wien, Berlin oder München im Sommer nach Salzburg? Florian Wiegand: Es sind die außergewöhnlichen Konzerte in besonderen Konstellationen und an speziellen Orten. Das beginnt mit der Ouverture spirtuelle, in der man erleben kann, was man selten zu Gehör bekommt. Der Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf Kirchen des östlichen Christentums, von denen einige durch die aktuellen Krisen bedroht sind. Chöre aus Russland, Griechenland, Armenien, Ägypten, Äthiopien und dem Libanon werden den Farbenreichtum ihrer Musik in der Kollegienkirche zum Ausdruck bringen.

Aus dem westlichen Christentum werden unter anderem drei Oratorien aufgeführt - "Die Schöpfung" von Joseph Haydn, "Belshazzar" von Georg Friedrich Händel und "Halleluja - Oratorium balbulum" von Peter Eötvös, ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele. Darin geht es um einen Propheten, der so gestottert hat, dass sich seine Prophezeiungen teilweise schon erfüllt haben, bevor er sie ausgesprochen hat. Péter Esterházy, von dem der Text stammt, schreibt an einer Stelle: "Wir brauchen Grenzen. Wir ziehen überall Zäune, wir umzäunen sogar die Zäune." Das hat er vor fünf Jahren geschrieben - eine Vorahnung auf das, was 2015/16 passieren sollte! Diese Uraufführung spielen die Wiener Philharmoniker unter Daniel Harding, mit Peter Simonischek als Sprecher. SN: Die Wiener Philharmoniker bieten eine spezielle Sicht auf Uraufführungen.
Ja, sie knüpfen an die Programmidee des Vorjahres an und spielen einige von jenen etwa 300 Werken, die sie uraufgeführt haben - wie unter anderem drei Symphonien Anton Bruckners oder das Adagio aus der 10. Symphonie sowie die "Kindertotenlieder" Gustav Mahlers. Zudem spielen sie Werke, die in Bezug zu ihnen stehen - wie "Il templario" ihres Gründers Otto Nicolai. Eine Besonderheit wird die Suite "Der Bürger als Edelmann" von Richard Strauss, deren Uraufführung am 31. Jänner 1920 ein Benefizkonzert zugunsten der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde gewesen ist.

SN: Welche "besonderen Konstellationen" oder "speziellen Orte" wird es geben?
Einige! Zum Beispiel spielen Dennis Russel Davies und seine Frau Maki Namekawa in einem Konzert die "Psalmensymphonie" von Igor Strawinsky in einer Bearbeitung für Klavier zu vier Händen von Dimitri Schostakowitsch. Unseres Wissens ist diese noch nie aufgeführt worden. Es gibt davon nur eine Handschrift.

Ebenso besonders werden die Partiten und Sonaten von Johann Sebastian Bach mit Isabelle Faust. Dafür bauen wir ihr eine Bühne in die Mitte der Kollegienkirche, das Publikum wird rundherum sitzen. Das wird ein spezielles Klangerlebnis.

SN: Welche Verbindungen gibt es im Konzertprogramm?
Verbindungsfäden helfen uns oft bei der Beschäftigung mit zeitgenössischen Komponisten. Etwa bei György Kurtág: Sein Vorbild - übrigens auch für Peter Eötvös - war Béla Bártok. Dessen Vorbild war Ludwig van Beethoven. Und Thomas Adès, der Komponist von "The Exterminating Angel", verweist immer wieder darauf, wie ihn György Kurtág geprägt hat. Einige dieser Fäden lassen sich im Konzertprogramm entdecken.

Zugleich gibt es Bezüge in Konzerten. So spielt die Camerata Salzburg unter Roger Norrington Beethovens "Die Geschöpfe des Prometheus" und "Eroica", wobei der Contredance in den "Geschöpfen" das Thema für den vierten Satz der "Eroica" bildet.

Neben inhaltlichen gibt es auch personelle Verwebungen, etwa mit drei jungen Sängerinnen und Sängern, die in Opern auftreten: Anna Prohaska, Susanna im "Figaro", wirkt im Kammermusik-Projekt mit Veronika Eberle mit. Mauro Peter, Ferrando in "Così fan tutte", gibt seinen ersten Liederabend bei den Salzburger Festspielen. Und Christina Gansch, Barbarina im "Figaro", singt die Sopranpartie in der c-Moll-Messe.

SN: Welche Künstlerinnen und Künstler sind Stammgäste oder Mitwirkende einer Salzburger Klangdramaturgie?

Oh, da gibt es viele Fixpunkte! Wenn ich an Mozart denke, sind das Giovanni Antonini, Ádám Fischer und Ivor Bolton. Für die großen Konzerte sind das die Wiener Philharmoniker mit Riccardo Muti, Zubin Mehta, Mariss Jansons und Daniel Barenboim, der übrigens regelmäßig - auch heuer wieder - mit dem West-Eastern Divan Orchestra kommt. Zu nennen ist auch Bernard Haitink, wenngleich er heuer ausnahmsweise nicht da ist. Franz Welser-Möst zählt dazu, in Oper wie Konzert; er tritt heuer mit seinem Cleveland Orchestra auf, zudem dirigiert er "Die Liebe der Danae".

Beispielhaft aus der jüngeren Dirigentengeneration ist Yannick Nézet-Séguin, der von Salzburg aus Weltkarriere gemacht und im Vorjahr hier am Pult der Wiener Philharmoniker debütiert hat, nun Chefdirigent der Met in New York wird und heuer in Salzburg "Die Schöpfung" leitet. Pianisten wie Grigory Sokolov und Maurizio Pollini prägen seit Jahren den Klang der Salzburger Festspiele. Auch András Schiff gehört dazu, er kommt heuer mit drei Projekten.

Anna Netrebko hat hier ihre Weltkarriere gestartet und tritt seither regelmäßig im Rahmen der Salzburger Festspiele auf. Andere Stammgäste sind Thomas Hampson, Christian Gerhaher oder Rolando Villazón. Wichtig sind auch viele Salzburger Institutionen, die auf hohem Niveau musizieren - die Camerata Salzburg und das Mozarteumorchester Salzburg, das heuer 175 Jahre
alt ist, somit um ein Jahr älter als die Wiener Philharmoniker. Seit 1920 hat das Mozarteumorchester bei den Salzburger Festspielen 885 Konzerte, 329 Opern und in
324 Schauspielaufführungen gegeben. Heuer spielt es "Così fan tutte", fünf Mozartmatineen und das Abschlusskonzert des Young Singers Project.

Zum Salzburger Festspielklang gehören auch das Österreichische Ensemble für Neue Musik, der Salzburger Bachchor und der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor. Wichtig ist uns auch das Salzburger Marionettentheater.

SN: Wo kommt denn das vor?
In einem Projekt mit András Schiff. Er wird "Papillons" von Robert Schumann und "La Boîte à joujoux" von Claude Debussy mit Puppen spielen. Das Spannende: Man kann den Puppenspielern dabei zuschauen.


Aufgerufen am 23.06.2018 um 09:43 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/faeden-helfen-uns-1231456

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