Kunst

Festspiele: Bei Beethoven muss man die Widerständigkeit suchen

Zum Abschluss der Salzburger Festspiele ein jugendlicher Beethoven-Abend mit dem fast 90-jährigen Herbert Blomstedt.

Festspiele: Bei Beethoven muss man die Widerständigkeit suchen SN/sf/neumayr/leo
Rüstigen Schrittes zum Podium: Herbert Blomstedt dirigierte das letzte Orchesterkonzert der Salzburger Festspiele.  

Nichts Besonderes, nichts Sensationelles war angesagt für dieses letzte Orchesterkonzert der Salzburger Festspiele 2016. Nach dem Farbengewitter des Concertgebouw-Orchesters unter Daniele Gatti nahm sich das reine Beethoven-Programm des Leipziger Gewandhausorchesters unter Herbert Blomstedt auf den ersten Blick auch geradezu schüchtern und altbacken aus.

Doch: Wer darf und kann denn heute noch ruhigen Gewissens eine geballte Ladung Musik jenes Komponisten aufs Programm setzen, der wie kein anderer für Begriffe wie Freiheit, Widerständigkeit, ja "Titanentum", wie man es einmal nannte, steht - und das bei allen, bei den Bürgern ebenso wie bei den gebildeten Arbeitern? Beethoven hatte wirklich allen, die es hören wollten, etwas zu sagen. Er schrieb, wie Hans Werner Henze es einmal ausdrückte, "sagende" Musik, Musik, die über die Töne hinaus Inhalte transportierte.

Kann man darüber heute überhaupt noch reden, in einer Zeit, in der Freiheit vor allem meint: Freiheit des Marktes (auch des Musikmarktes), des Geldes, der Machtausnutzung und der hemmungslosen Kontrolle über den durchschnittlichen Staatsbürger? Über Freiheit im Sinne dessen zu reden, was bei Beethoven transportiert wird, ist wahrlich ein bisschen unmodern geworden.

Umso beeindruckender ist es, Dirigenten wie Herbert Blomstedt zu begegnen, die für einen Lebensstil abseits aller Eitelkeit und Wichtigtuerei einstehen und das auch in ihrer musikalischen Interpretation hörbar machen: Blomstedt ist bekennender Siebenten-Tags-Adventist, gehört also einer Gemeinschaft an, die man abschätzig eine "Sekte" zu nennen pflegt. Und vom ersten Augenblick an, in dem er das Podium betritt, strahlt er eine freundliche Ernsthaftigkeit aus, die man nur bei ganz großen Künstlern antrifft. Wenn man genau hinschaut, sieht man ihn freundlich lächelnd mit den Musikern kommunizieren.

89 Jahre ist er alt, und immer noch schreitet er rüstig ans Pult. Seine Anweisungen an die Musiker sind genau, wenn auch vielleicht nicht in allen Einzelheiten ganz exakt. Doch die Richtung stimmt immer. Und wer mit fast neunzig eine so im guten Sinne des Wortes "verrückte" Symphonie wie Beethovens Siebte zu dirigieren wagt, muss einen klaren Plan haben. Blomstedt tritt nicht als Dompteur auf. Doch die Musiker des Gewandhausorchesters wissen seine Zeichen zu lesen. Er war ja etliche Jahre lang als Nachfolger von Kurt Masur Leiter des Ensembles.

Außer der Siebten standen die zweite Leonoren-Ouvertüre und das 5. Klavierkonzert (mit András Schiff als Solisten) auf dem Programm. Und als Draufgabe gab es die "Egmont"-Ouvertüre, das vielleicht emphatischste Stück, das von Freiheit spricht. Es ist - Zufall oder nicht - fast völlig von den Spielplänen verschwunden.

Da lässt es Blomstedt jubeln. Und er benötigt dazu - ebenso wie in der Siebten - nicht jene an die Grenze des Überzogenen gerückten Tempi, mit denen uns Paavo Järvi vor einigen Jahren überraschte.

Quelle: SN

Aufgerufen am 20.11.2018 um 03:05 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/festspiele-bei-beethoven-muss-man-die-widerstaendigkeit-suchen-1108051

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