Kunst

"Findet Dorie": Doch kein Fisch wie jeder andere

Mit "Findet Dorie" kommt die Fortsetzung des Pixar-Hits "Findet Nemo" ins Kino. Es ist ein Film mit einer ganz speziellen Heldin.

Sie ist liebenswürdig, offen und hilfsbereit, doch sie hat ein Gedächtnis wie der sprichwörtliche Goldfisch: Dorie, der blaugelbe Fisch aus Pixars Animationsabenteuer "Findet Nemo" (2003), ist eine besondere Kreatur. Damals half sie dem verzweifelten Clownfischpapa Marlin, seinen verlorenen Sohn Nemo wiederzufinden, quer durch den ganze Ozean bis ins Aquarium eines kleinen australischen Mädchens. Nun geht Dorie im Film "Findet Dorie", der am Freitag ins Kino kommt, selbst fast verloren.

Weil Dorie eben durch ihr löchriges Gedächtnis kognitiv beeinträchtigt ist, agiert sie oft irrational, zumindest in den Augen konservativer Fische wie Marlin. Inzwischen lebt sie mit Marlin und Nemo bei einem Korallenriff, doch ihre ursprüngliche Familie hat Dorie längst vergessen, wie fast alles, was länger als zehn Minuten her ist. Bis ihr unverhofft eine frühkindliche Erinnerung unterkommt. Und ihr klar wird: Möglicherweise gibt's da draußen im unendlichen Blau irgendwo ein Fischelternpaar, das verzweifelt nach der verlorenen Dorie sucht. Und die beiden will sie wiederfinden.

Was folgt, ist eine teils herzzerreißende, teils komische Abenteuerreise quer durch den Pazifik bis zu einem marinen Vergnügungspark an der amerikanischen Küste, immer mit Marlin und dem kleinen Nemo im Schlepptau, wobei unterwegs wieder die unterschiedlichsten Wasserbewohner zu helfen versuchen.

Was "Findet Dorie" so besonders macht, ist jedoch die spezielle Disposition der schuppigen Heldin: Aufgrund ihrer Beeinträchtigung kann sich Dorie nicht auf Erfahrungen verlassen, sondern muss in jeder Situation wieder neu entscheiden und improvisieren, und kommt dadurch oft auf unerwartete Strategien, was ihren "normalen" Freund und selbst ernannten Beschützer Marlin irritiert. Dass sie dennoch zu Lösungen findet, weil sie gar keine andere Chance hat, als auf fremde Fische offen zuzuschwimmen und sie im Hilfe zu bitten, ist der Kern dieses Films: Keine Wunderheilung ihres Zustandes steht am Ende, sondern die Erkenntnis, dass ungewöhnliche Denkansätze ebenfalls zu sinnvollen Ergebnissen führen können, dass es eben unterschiedliche Fische im Ozean gibt, und dass alle ihre eigenen Bewältigungsmethoden entwickelt haben.

Und Dorie ist nicht die einzige in diesem Film, die mit einer Behinderung umgehen muss, da kommen unter anderem auch ein siebenarmiger Oktopus vor, ein Belugawal mit Echolotproblemen, und ein fürchterlich kurzsichtiger Walhai. Kurz: Es ist ganz normal, nicht "normal" zu sein, genauso wie der kleine Clownfisch Nemo, dem seine Eltern schon in "Findet Nemo" beigebracht hatten, seine verkrüppelte Vorderflosse als "Glücksflosse" zu bezeichnen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein Film aus der Pixar-Traumschmiede mit dem befasst, was nicht der Norm entspricht, ohne es als Nebenfigur an den Rand zu drängen, und ohne es als das fremde Andere zu isolieren. Selten sind das bei Pixar die klassischen Einzelkämpfer oder Außenseiter vom Modell "König Arthur", die dank Vorhersehung oder Sondertalent in Heldensagen über sich hinauswachsen, sondern es sind Figuren, zu deren Dasein eben eine körperliche oder mentale Benachteiligung gehört, die aber in einer Welt ebenfalls unperfekter Geschöpfe leben.

Auch in dem fantastischen Film "Alles steht Kopf" (2015) ist das gelungen, wo im Kopf eines präpubertären Mädchens fünf personifizierte Gefühle miteinander umgehen müssen. Diese bunten Persönchen entsprechen ihrerseits wieder psychischen Veranlagungen, von der geradezu blindlings optimistischen "Freude" über den rotglühenden "Wut", der in jeder Krisensituation aggressiv überreagiert, bis zu "Kummer", die klar eine depressive Disposition hat. Es sind aber Figuren, die genau so sein müssen, die gemeinsam ein Ganzes ergeben, und die - was der Film so wundervoll verdeutlicht - alle ihren Wert und ihre Notwendigkeit haben.

Nicht eine Heilung oder das Erreichen einer Perfektion ist das Ziel, sondern die Erkenntnis bei den als normal kategorisierten Figuren (und Zuschauern), dass andere Fähigkeiten und Strategien genauso gültig sind, egal ob es sich um Fische, Gefühle oder Menschenkinder handelt.

Film: Findet Dorie. Animation, USA 2016. Regie: A. Stanton, A. MacLane. Mit den Stimmen von Ellen DeGeneres/Anke Engelke, Albert Brooks/ Christian Tramitz u. a. Start: 29. 9.

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.08.2018 um 07:43 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/findet-dorie-doch-kein-fisch-wie-jeder-andere-1023808

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