Kunst

Frankreich in der Krise: Die verfluchten Erben von Moustaki & Co

Von Aznavour über Brel bis Ridan: Dass Frankreich eine einzigartige musikalische Identität besitzt, ist fast ausnahmslos Flüchtlingen zu verdanken. Was läuft derzeit schief, dass die positive Energie von Musik heute in den Vorstädten verpufft?

Der kleine Schahnur wuchs in Paris in ärmsten Verhältnissen auf. Vom Glück seiner Eltern wusste er nichts. Sie waren 1915 gerade noch dem Völkermord an den Armeniern entkommen. Ihre Flucht war - so traurig es klingen mag - der Grundstein für eine der erstaunlichsten Weltkarrieren eines begnadeten Sängers. Denn heute ist der 1924 geborene Schahnur Waghinak Asnawurjan weltberühmt. Allerdings unter einem Namen, an dem man sich besser erinnern kann: Charles Aznavour.

Oder kennen Sie Ivo Livi. Er wurde 1922 in der Toskana geboren. Sein Vater Giovanni war ein glühender Anhänger der Kommunistischen Partei Italiens. Man kann sagen, dass er zur falschen Zeit im falschen Land gelebt hat. Als Kommunist war man unter dem Faschisten Benito Mussolini in Lebensgefahr. Also flüchtete Giuseppe Livi nach Frankreich. Allein. Eigentlich wollte er nach Amerika. Aber er blieb in Marseille hängen, wo er als Besenbinder eine bescheidene Existenz aufbauen und seine Familie samt dem kleinen Ivo nachholen konnte. Auch Ivo wurde unter einem anderen Namen als Chansonier weltberühmt: Yves Montand.

Dann wäre da noch ein Belgier namens Jacques Brel. Er kam 1929 in Schaarbeek zur Welt. Brel war schon früh von dem Gedanken besessen, seinen Lebensunterhalt als Chansonier zu verdienen. In Belgien aber war das Pflaster für zartbesaitete Männer zu bierselig und zu hart. Er trat zunächst in kleinen Clubs in der Brüsseler Gegend auf, wo er kaum wahrgenommen wurde. Er nahm auch ausdauernd und erfolglos an Wettbewerben teil. Im Seeband Knokke etwa belegte er immerhin den vorletzten Platz. Erst nach seiner Übersiedlung nach Paris ging es mit Brel bergauf. Er fällt zwar gerade nicht in die Kategorie Wirtschaftsflüchtling. Aber ohne seine Flucht aus der Enge seiner belgischen Heimat hätte die Welt auf den wohl bekanntesten vermeintlichen französischen Chansonier verzichten müssen - und auf Gänsehaut erzeugende Chansons wie Ne me quitte pas oder Amsterdam.

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Einzelfälle? Mitnichten. Der große französische Sänger und Komponist Georges Moustaki kam als sephardischer Jude im ägyptischen Alexandria zur Welt. Eigentlich hieß er Giuseppe Mustacchi. Seine Chansons sind bis heute von unübertroffener Herzenswärme geprägt. Wer Moustaki hört, der träumt von französischem Art de Vivre. Chansons wie "Le Meteque", "La Solitude" und "Ma Liberte". Moustaki sang vom Leben wie vom Lieben. Vorm Reisen in immerwährende Sommer und ohne Unterlass und voller Zuversicht von der Menschenliebe. Er war so mit Gedanken und Liebe vollgestopft, dass er auch anderen französischen Ikonen Hits auf den Leib schrieb: Etwa Henri Salvador - der aus dem südamerikanischen Französisch Guayana stammt. Oder für Yves Montand, Edith Piaf, Juliette Grecco und für den gebürtigen Italiener Serge Reggiani - sie alle profitierten von dem griechischstämmigen und in Ägypten geborenen jüdischen Auswandererkind.

Und da ist dann noch der Gottvater der französischen Popmusik: Serge Gainsbourg. Keiner rieb sich so kompromisslos brutal und liebevoll zugleich an seinem Land wie der Sohn jüdisch-russischer Einwanderer. Er verstörte mit Je t'aime moi non plus eine ganze Generation, schockierte mit der Reggae-Version der Marseillaise "Aux armes et caetera" die gesamte Nation. Aber nicht nur dafür wird er noch heute von Frankreich geliebt. Frankreich ist eine Nation, die sich seit der Revolution und der damit verbundenen Aufklärung immer schon an ihre unbequemen Denkern orientiert hat.

Aber auch das seichte Gewässer französischer Liedkunst ist von Einwanderern geprägt. Die weltberühmte Musette brachten italienische Wirtschaftsflüchtlinge mit und sogar der weltberühmte quietschvergnügte Gassenhauer "Champs Élysées" stammt von einem Einwanderer. Er wurde von dem gebürtigen US-Amerikaner Joe Dassin verfasst. Dassin selbst wiederum hat jüdisch-russische Eltern hat, die von Odessa nach New York auswanderten.

Bei Frankreich und seiner Musikindustrie dürfte es sich also ungefähr so verhalten, wie bei einem Zitat über Salzburg, das von Karl Kraus stammt. Dieser sagte ja einmal über die Mozartstadt: "Wäre Salzburg nur von Salzburgern gebaut worden - es wäre bestenfalls ein Linz daraus geworden."

Auf seine Musikszene ist Frankreich außerordentlich stolz. So stolz, dass bei geringfügigen Problemen sofort der Staat ordnend eingreift. So kam es auch, dass im Jahr 1994 eine staatliche Radioquote vom damaligen Justizminister Jacques Toubon durchgesetzt wurde. Seitdem müssen die Musikrechte der gespielten Songs zu 60 Prozent in Europa und zu 40 Prozent in Frankreich liegen. Damit wurde auf die drohende Übermacht des anglo-amerikanischen Einheitsbreis in den Hitparaden reagiert. Besonderes Augenmerk legten die Franzosen damals auch auf die sogenannte "World Music", also Musik, die vorwiegende im afrikanischen, arabischen und lateinamerikanischen Raum beheimatet ist. Gefördert wurde diese exotischen Musikrichtungen weitestgehend vom Bureau Export de la Musique Francaise. Dabei handelt es sich um eine staatliche Stelle, die weltweit 12 Filialbüros einrichtete, um den Verkauf französischer Musik in den jeweiligen Märkten voranzutreiben. So ist man heute etwa besonders stolz, dass Cheb Mami, Khaled oder Lokua Kanza in französischer Sprache Welthits landen konnten. Auch Künstler wie Raul Paz, Sergent Garcia, Kassav und Manu Chao sowieso.

Manu Chao ist das wohl letzte Musterbeispiel dafür, wie es in Frankreich gelang, aus Flüchtlingskindern Weltstars zu machen, die unter französischer Flagge humanistisches Gedankengut verbreiten. Chao wurde 1961 in Paris als Sohn des galicischen Journalisten und Musikers Ramón Chao und der baskischen Mutter Felisa Chao geboren. Seine Eltern wählten das französische Exil um dem faschistischen Regime von General Franco zu entkommen. Manu gründete mit seinem jüngeren Bruder Antoine später die Band Mano Negra.

Die Chao-Brüder kultivierten einerseits die spanische Sprache ihrer Eltern, sozialisiert wurden sie aber auf den französischen Straßen, wo sie auch ihre Bandmitglieder kennen lernten. Sie waren allesamt Flüchtlingskinder aus Spanien, Lateinamerika oder aus dem arabischsprachigen Raum.

Man wäre aber französischer Sozialromantiker, würde man die Probleme übersehen, die trotz der Schlagwörter "Liberté Egalité, Fraternité" ein gedeihliches Miteinander seit Jahrzehnten zersetzen. Ein unermüdlicher Warner und Mahner ist der französische Popstar Renaud Sechan. Seit den späten 1970er-Jahren singt er gegen den Verlust der Perspektive der französischen Jugend an. Und damit meinte er nicht nur die Einwandererkinder, sondern vor allem auch die sogenannten "echten Franzosen. In seinem Lied "Hexagon" aus dem Jahr 1975 arbeitet er sich im Jahresablauf an seiner französischen Heimat ab:

"Sie herzen sich in Januar,

weil ein neues Jahr beginnt,

aber seit alten Zeiten

hat sich Frankreich nicht sehr verändert

Wochen und Monate sind vergangen

und nur die Fassade ist eine andere

die Mentalität ist immer die gleiche geblieben,

alles schäbige Mistkerle und verlogene Arschlöcher.

Im Dezember ist dann der Höhepunkt,

das große Fressen und kleine Geschenke,

trotzdem sind sie genauso unglücklich,

aber es kommt Freude auf in den Ghettos,

da könnte die Erde aufhören sich zu drehen,

das Weihnachtsessen wäre wichtiger;

ich würde sie nur zu gerne alle verrecken sehen,

erdrückt unter Putenbraten mit Esskastanien.

Im Zeichen des Hexagons geboren sein,

man kann nicht sagen, dass das ein Spaß ist,

und wenn der König der Vollidioten einen Nachfolger braucht,

gäbe es 50 (jetzt 60) Millionen Anwärter auf die Nachfolge."

Die Feinde von Renaud Sechan waren damals dieselben wie heute jene der Islamisten: Sein Hass und seine Kritik richtete sich gegen die Satten und gegen die Selbstgerechten, gegen all jene also, von denen sich die Jugend um ihre Zukunft betrogen sah und auch heute noch sieht. Die Zeile aus dem Jahr 1975 "Ich würde sie nur zu gerne alle verrecken sehen" weist auf eine Radikalität hin, von der wir heute glauben, dass sie exklusiv den Schergen des IS zuzuordnen wäre. Dieser Satz stammt noch aus einer Zeit, in der es in Europa einen Kampf von "Links gegen Rechts" gab, als die Rote Armee Fraktion und die Roten Brigaden in Europa mordeten, die PLO im Nahen Osten und die FARC und der Leuchtende Pfad in Südamerika. Renaud Sechan und sein Kollege, der polnischstämmige Jude Jean Jacques Goldman entwickelten von den 1970er- bis 1990er-Jahren dann aber so etwas wie einen humanistischen Musikstil. Sie sensibilisierten eine ganze Generation für die Probleme von Einwanderern. Am besten gelang das wohl Goldman im Jahr 1988 mit seiner Immigranten-Hymne "La bas" (dt.: "Dort"). Er sang es mit einer bis dahin unbekannten britischen Sängerin namens Sirima, ein Einwandererkind aus Ceylon. Entdeckt wurde Sirima von Goldman, der ihre Stimme in der Pariser Metro Station Barbés Rochechouart hörte. Es heißt, er habe sie vom Fleck weg in sein Musikstudio mitgenommen um sein Lied einzusingen, für das er schon länger eine geeignete Sängerin gesucht hat. Das Lied besteht aus dem Flehen einer Frau, die ihren Mann daran hindern will, nach Europa zu gehen. In dem Lied heißt es:

JJ Goldman: "DORT

Alles ist neu und alles ist wild

Freier Kontinent ohne Zäune

Hier sind unsere Träume eingezwängt

Deshalb gehe ich dort hin

Dort

brauchst Du Herz und Du brauchst Mut

Aber alles ist möglich in meinem Alter

Wenn Du Kraft und Selbstvertrauen hast

Kannst Du das Gold mit Deinen Fingern greifen

Deshalb werde ich dorthin gehen."

Sirima: "Gehe nicht

Dort gibt es Stürme und Wracks

Feuer, Teufel und Fata Morgana

Ich kenne Dich manchmal so zerbrechlich

Bleibe nah' bei mir

Wir haben so viele Liebe vor uns

Soviel Glück, das kommen wird

Ich will Dich als Mann und Vater

Und Du träumst davon, wegzugehen."

JJ Goldman: "Hier ist alles schon vorab entschieden

Und daran kann man nichts ändern.

Alles hängt von Deiner Geburt ab

Und ich bin nicht wohlgeboren."

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Der Songs hielt sich wochenlang auf Platz 2 der französischen Charts. Er gilt bis heute als Hymne gegen Fremdenhass und Abgrenzung. In Anbetracht dieses Appells an die Friedfertigkeit ist es eine besondere Tragik, dass Sirima im Alter von 25 Jahren von ihrem eifersüchtigen Lebensgefährten in ihrer gemeinsamen Wohnung in Paris mit einem Küchenmesser erstochen wurde.

Beim Thema Gewalt kommt jetzt der französische Rap ins Spiel. Seit dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo wird in Frankreich ausgiebig über die Wechselwirkung von Rap und Terrorismus diskutiert. So wurde etwa rasch bekannt, dass einer der beiden Attentäter von Charlie Hebdo, Chérif Kouachi, eigentlich Rapper werden wollte. An seinem musikalischen Scheitern gab er aber nicht seinem mangelnden Talent sondern dem Establishment die Schuld. Auch ein Song des arrivierten Rapstars Booba, nämlich "Les Meilleurs", schaffte es nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo bis in die Nachrichtenmagazine. Darin singt er nämlich: "Sieht meine Fresse so aus, als würde ich Charlie heißen? Sei ehrlich, du hast den Mund zu weit aufgemacht, dafür hast du Blei geschluckt, so ist das auf der Straße, so ist das in den Schützengräben…"

Beim Rap wurde die integrative Kraft der Musik endgültig außer Kraft gesetzt. Die Rap-Künstler fanden nicht so wie einst in den 1950er-Jahren die Einwandererkinder Aznavour, Moustaki, Montand oder Salvador offene Türen bei den arrivierten Nachcafés im Quartier Latin, auf dem Montmartre oder den Champs Élysées vor. Die Oberschicht bleibt heute unter sich. Ihr Interesse an exotischer Musik ist schon mit Lounge-Music und mit den Sounds von DJ-Sternchen gestillt. Rap bleibt dort wo er entstanden ist: In der Hoffnungslosigkeit der Banlieue. Er handelt von Arbeitslosigkeit, Gewalt, Zurückweisung, Chancenlosigkeit, Rassismus, Drogenhandel und Beschaffungskriminalität - und immer wieder von Kritik am Staat und an der Polizei. Und keiner mag das mehr hören. Nur die Betroffenen berauschen sich immer mehr an den Gewaltphantasien Einzelner. Von diesen Alltagsbildern war der Schritt zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte ein kleiner. Die Ausbeutung der Väter wird genauso thematisiert wie die Gleichgültigkeit gegenüber den republikanischen Werten der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit.

Diese sei nämlich obsolet, wenn sie nur noch für eine privilegierte Gruppe gelte. Was auch lang gediente französische Popstars noch vor dem dritten Anschlag binnen 15 Monaten thematisieren. Geht es etwa nach Mickael Fournon, dem Frontmann der Band Mickey 3D, dann ist das Leben ohnehin nur noch maximal für jene schön, die die Zusammenhänge halbwegs durchschauen. Sein aktuelles Album nannte er deshalb "Sebolavy". Das Schriftbild erinnert an eine osteuropäische Kommune. Spricht man es aber richtig aus, dann hört man das vertraute "C'est beau - la vie". Ein Song darauf war fast prophetisch für das, was am 14. Juli, am französischen Nationalfeiertag geschah. An diesem Tag wird seit der Erstürmung der Bastille der Liberté, Egalité und Fraternité gedacht. Also der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit. Mickey 3D singt auf dem jüngsten Album von Liberté, Egalité und Fragilité. Also von Freiheit, Gleichheit und Zerbrechlichkeit.

An die Gefährdung der republikanischen Werte erinnerte bereits 2013 - also vor der Anschlagserie - der französische Musiker Ridan. Sein bürgerlicher Name ist Nadir Koudiri. Unter diesem Namen begann er auch als Rapper über die Unzufriedenheit der Immigranten zu singen. Dann wandte er sich an das Stilmittel, mit dem auch Moustaki, Aznavour und all die anderen großen Sänger berühmt wurden. Er buchstabierte fortan seinen Namen von hinten und nannte sich nicht mehr Nadir sondern Ridan. Mit melodiösen Rhythmen und literarischen Texten gelang es ihm möglichst viele Franzosen aus allen Lagern um sich zu scharen. Seine Texte handeln vom Frieden, vom Verständnis füreinander. Und als gemeinsamen Feind machte er wie jenen aus, den auch schon Renaud Sechan 1975 an den Pranger stellte: Den Faschismus. Nachzuhören in dem Ohrenwurm "Ah les Salauds" für den er mit Jakobinermütze und Tricolore die Straßen von Paris hinauf und hinab marschierte um anschließend im Nobelrestaurant "Fouquet"s" einzukehren. Er hat begriffen wie Frankreich tickt: Man feiert hier die Revolution, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bringen sollte immer noch am liebsten bei einem Glas Champagner und in einem Louis XVI.-Stuhl sitzend.

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Aufgerufen am 23.09.2018 um 08:31 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/frankreich-in-der-krise-die-verfluchten-erben-von-moustaki-co-1237450

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