Kunst

Für Mozart maßgeschneidert

Kongenialer Stofflieferant. Wie Lorenzo Da Ponte im "Figaro", "Don Giovanni" und der "Così" Handlungsstränge virtuos verwob.

Susannas Kleid wirkt auf alle anziehend, nicht nur auf ihren Bräutigam Figaro. Der Graf Almaviva will es erhaschen, weil er die Zofe seiner Gemahlin begehrt. Der Page Cherubino wiederum soll das Kleid im Auftrag von Gräfin und Figaro überstreifen und, als Susanna verkleidet, den Schürzenjäger überführen. Als der Plan scheitert, schlüpft die Gräfin selbst ins Gewand der Dienerin, um den Grafen beim eingefädelten Rendezvous zurückzugewinnen.

Verkleidungen und die dazugehörigen erotischen Verwirrspiele treiben in der Oper "Le nozze di Figaro" von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte immer wieder die Handlung voran. Der Stoff aber galt 1786 aus einem anderen Grund als brisant. Hinter den Mustern der Komödie gab er den Blick frei auf die Gesellschaftsordnung des 18. Jahrhunderts und eine fadenscheinige Adelsmoral. Mit großem Aufsehen konnten Wolfgang Amadé Mozart und Lorenzo Da Ponte daher rechnen, als sie das Theaterstück von Beaumarchais zur Oper umarbeiteten.

Und dieses Aufsehen konnte Mozart brauchen. Seit 1781 lebte er als freier Komponist in Wien. Seinen Ruhm wollte er seit der Wiedereinführung der italienischen Oper in Wien 1783 auch mit der Vertonung eines Werke in diesem Genre vergrößern. Ein ideales Libretto zu finden schien aber auch in der Musikmetropole nicht einfach zu sein. "Ich habe leicht 100 - Ja Wohl mehr bücheln durchgesehen", schrieb er 1783 seinem Vater, "allein - ich habe fast kein einziges gefunden mit welchem ich zufrieden seyn könnte." Auch die Aussicht, dass ihm ein "gewisser Abate Da Ponte" versprochen hatte, ein neues Libretto zu verfassen, bewertete Mozart erst einmal skeptisch. "Wer weis nun ob er dann auch sein Wort halten kann - oder will!"

Da Ponte wollte - und er konnte.

Mit "Le nozze di Figaro", "Don Giovanni" und "Così fan tutte" sollte er in den folgenden Jahren die Stoffe für Mozarts zentrale Opern liefern. Als "Glücksfall" der Musikgeschichte wird die kurze, aber intensive Zusammenarbeit gern gewertet. Denn in Mozarts drei Da-Ponte-Opern stehen Musik und Text nicht im Wettstreit um die Vorherrschaft. "Sie sind in ungewöhnlicher Dichte miteinander verwoben", sagt der Librettoforscher Reinhard Eisendle. Er hat Leben und Werk des Dichters früher im Da-Ponte-Institut erforscht. Im Wiener Don-Juan-Archiv spürt er zudem den vielen Fäden nach, die im "Don Giovanni" zusammenlaufen. Stofflich sei indes jede der drei Opern von Mozart und Da Ponte ein Fall
für sich: "Wir bekommen es hier einmal mit einem viel diskutierten und heiklen, einmal mit einem sehr alten und dann wieder mit einem fast neuen Stoff zu tun."

Als Dichter, Improvisator und Literaturgelehrter hatte Lorenzo Da Ponte einen Ruf, als er 1781, fast zur gleichen Zeit wie Mozart, nach Wien kam. Kaiser Joseph II. ernannte ihn im Zuge der Wiedereinführung der italienischen Oper 1783 zum "Poeta de' teatri imperiali". In dieser Funktion entdeckte er ein Metier für sich, in dem er noch keine Erfahrungen hatte: das Verfassen von Opernlibretti. Dass der Dichter in Wien zunächst im Haus eines Schneiders Quartier gefunden hatte, dürfte für seine Gabe zur Stoffbehandlung unerheblich gewesen sein. Sie hatte sich schon viel früher geäußert: Bereits als Sohn eines Lederhändlers in Italien hatte er heimlich Felle aus dem Geschäft des Vaters gegen Lesestoff eingetauscht. Als Opernlibrettist wurde er zum kongenialen Maßschneider idealer Bühnengeschichten. Mehr als 40 Libretti hat Lorenzo Da Ponte für Komponisten wie Antonio Salieri, Vicente Martín y Soler und Peter von Winter verfasst.

Die Zusammenarbeit mit Mozart war nach drei Werken wieder zu Ende. Weit über die Konventionen der Zeit aber sei die dichte dramaturgische Verwebung der Elemente bereits im "Figaro" hinausgegangen, erläutert Reinhard Eisendle. "Schon im Anfangsduo von Figaro und Susanna ist ja zu hören, wie genial Text und Musik zusammenwirken." Und als "neue Art eines Opern-Schauspiels" pries auch Da Ponte seine "commedia per musica" im Vorwort zum Libretto an. Der Ausspruch, präzisiert Eisendle, müsse allerdings in einen größeren historischen Zusammenhang gestellt werden.

"Es wäre falsch zu behaupten, dass die Innovationen, die Mozart und Da Ponte geschaffen haben, vom Himmel gefallen wären." Die Arbeit des außergewöhnlichen Opernduos sei stark von den Entwicklungen beeinflusst gewesen, die sich damals in Wien abgezeichnet hätten: Während in anderen Städten noch das alte Modell der Opera seria gepflegt worden sei, habe sich in Wien eine neue Form herauskristallisiert. Anstelle der strengen Konventionen des "ernsten" Stils, der in der Rolle der Opernhelden Herrscherfiguren bevorzugte und deutlich zwischen Arien und Rezitativen als handlungsvorantreibenden Elementen trennte, "begannen sich hier früh ernste und komische Elemente zu mischen. Für diese Entwicklung waren neue Stoffe gefragt." Mozart und Da Ponte "konnten hier ansetzen und eine sich in Entwicklung befindende Modeströmung perfektionieren".

Erst einmal galt es freilich den Kaiser zu überzeugen, dass der "Figaro" in Wien aufgeführt werden durfte. Der berühmt-skandalösen Vorlage von Beaumarchais, der Diener ins Gewand der Helden schlüpfen ließ, hatte Joseph II. seinem Theaterzensor Karl Franz Hägelin besonderes Augenmerk empfohlen, was diesen schließlich veranlasst hatte, das Schauspiel zu verbieten. Da Ponte musste sich also in Diplomatie üben, wie er später berichtete.

"Was die Musik anlangt, so gleicht sie, soweit ich sie beurteilen kann, einem Meisterwerke", habe er dem Regenten versichert. Und was den Zuschnitt des Skandalstoffs betreffe, habe er sich"hauptsächlich beflissen, alles daraus verschwinden zu lassen, was den Anstand und den guten Geschmack verletzen könnte".

Manche Mythen um die Brisanz des Stoffs seien aus heutiger Sicht ebenfalls zu relativieren, betont Reinhard Eisendle. Etwa jenen, dass der "Figaro" auf der Bühne die Revolution vorweggenommen habe. "Diese Gefahr hat man damals sicher nicht so gesehen." Eigentlich gab es unter Joseph II. eher eine Lockerung der Zensur. Auch auf der Bühne konnte Kritik an Herrschenden geübt werden. "Aber nichtsdestotrotz galt ein Theaterstück bei den Zensoren als gefährlicher als ein Buch, weil man das Spiel bei weitem näher an der Realität sah als das gedruckte Wort."

Das Verweben von Fiktion und Realität beherrschte Lorenzo Da Ponte virtuos. Ablesen lässt sich das an seinen Memoiren, die er in den Jahren 1823 bis 1827 in New York veröffentlichte. Seinen Lebensweg, der von Treviso über Venedig nach Wien und London bis ins New York des 19. Jahrhunderts führte, beschreibt er in diesen Erinnerungen als gesäumt von Lieben, Affären und Intrigen, Verbannung, Fluchten und Neuanfängen - fast wie in einem guten Opernlibretto. "Mit der Erzähltechnik eines geschickten Dramaturgen hat Da Ponte auch sein Leben aufgeschrieben", sagt Eisendle.

Gegen Don Giovanni, den Protagonisten von Da Pontes und Mozarts zweiter Oper, hätte freilich kein realer Abenteurer eine Chance. Im Gegensatz zum zeitgenössischen Skandalstück des "Figaro" nahmen sich der Komponist und der Dichter diesmal einen Stoff vor, der im Jahr 1787 schon als recht verschlissen galt. Die Erzählung vom Wüstling Don Juan, dessen unersättliches Streben nach Lust am Ende zum Höllentrip wird, "wurde seit dem 17. Jahrhundert ja auf Europas Bühnen auf und ab gespielt", erläutert der Don-Juan-Experte. "Es gab Don-Juan-Schauspiele, Don-Juan-Opern, Ballette und Puppenspiele." Sogar der Überdruss am Don Juan sei damals bereits zum Bühnenthema geworden. "In einer Fassung des Librettisten Giovanni Bertati treten im ersten Akt, der im Theater einer Provinsbühne spielt, die Akteure auf und beklagen sich: Nicht schon wieder Don Juan!" Da Ponte habe sehr viele der Versionen gekannt und auch in raffinierter Weise zitiert. Zugleich aber sei Mozart und Da Ponte mit ihrem "Don Giovanni" das Unwahrscheinliche gelungen: "Sie haben diesem abgetragenen Stoff ganz neue Aktualität eingewoben."

Denn zu der Zeit passte das Thema: Mit dem nahenden Ende der Josephinischen Ära "begannen sich auch im realen Leben Sicherheiten und Bindungen zu lösen". Mit der Frage, was real sei und was nicht, sähen sich bei Mozart und Da Ponte erstmals auch die Bühnenfiguren konfrontiert. Wie ein roter Faden ziehe sich das Wechselspiel durch Da Pontes Stoffbehandlung. "Die Frage ,Was kann ich glauben?' beschäftigt Donna Anna und Don Ottavio, Donna Elvira, Zerlina und Masetto gleichermaßen." Auch der Kleidertausch zwischen Diener und Herrn taucht wieder auf. "Ich will selbst den Herrn machen", singt Leporello und schlüpft danach im 2. Akt tatsächlich ins Gewand seines Herrn, der, als Diener verkleidet, dem Zorn der Bauern entwischt. "Das ist eines der neuen Elemente, mit denen Dichter und Komponist raffiniert spielen. Sie fanden einen zeitgemäßen Zuschnitt für einen der großen Stoffe der Neuzeit."

Auf eine vergleichbare Zahl an Schnittmustern konnte Da Ponte bei der Suche nach Motiven für "Così fan tutte" nicht zurückgreifen. Um Verkleidungsspiele geht es zwar auch, wenn Ferrando und Guglielmo ihre Verlobten auf die Treueprobe stellen. Lose Vorbilder für dieses Motiv fänden sich ebenfalls von der Antike bis ins 18. Jahrhundert. Dennoch, resümiert Eisendle, sei die "Così" Da Pontes eigentliche Neuschöpfung innerhalb der Trias, "wenn er auch bestimmte Motive etwa von Marivaux aufgreife. "Und zugleich ist es eines seiner raffiniertesten Werke." Mit vielen Zitaten habe er sein literarisches Wissen in das Werk verwoben. "Und er führte Figuren ein, die nicht unbedingt bühnentauglich waren, etwa die Zofe Despina, die sehr radikale Dinge sagt."

Kaum belegbar sind die Details der Zusammenarbeit von Komponist und Dichter. Doch die Vorstellung, dass Mozart Da Pontes Stoffe mit starken Schnitten in Form gebracht habe, sei ein Klischee der frühen Mozart-Biografien. "Da Ponte besaß die Fähigkeit, Worten musikalische Prägnanz zu geben. Und Mozart war sich bewusst, was er an den Texten hatte." Da Ponte allerdings sah sich in späteren Jahren nicht selten um seinen Anteil am Ruhm betrogen. Während alles von Mozarts Opern schwärmte, wurde sein Name bisweilen nicht mehr erwähnt. Darauf reagierte er 1819 erzürnt: "Wenn die Worte eines Dramendichters nichts mehr wären als ein Vehikel für die Noten (. . .), warum würde dann ein Komponist nicht einfach Arztrezepte oder Kataloge von Buchhändlern vertonen, anstatt der Verse eines Poeten (. . .)? Mozart wusste sehr wohl, dass der Erfolg einer Oper zuallererst vom Dichter abhängt (. . .) Ich denke, dass die Dichtung erst das Tor zur Musik öffnet."

Oper: "Così fan tutte" (ab 29. Juli, Felsenreitschule), "Don Giovanni" (ab 4. August, Haus für Mozart), "Le nozze di Figaro" (ab 16. Aug., Haus für Mozart), von Wolfgang Amadeus Mozart, Regie: Sven-Eric Bechtolf.

Aufgerufen am 19.06.2018 um 04:35 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/fuer-mozart-massgeschneidert-1231519

Meistgelesen

    Schlagzeilen

      SN.at Startseite