Kunst

Geometrie des Fliegens: Staatsballett feierte Saisonauftakt

Es ist ein Ballett des Himmels, wenn die Stare zu ihrem Gruppenflug anheben und ebenso klare wie flüchtige Muster ans Firmament zeichnen. "Murmuration" nennt sich das Phänomen. Ein zauberhaftes Ballett gleichen Namens von Edwaard Liang geriet gestern, Dienstag, Abend beim Saisonauftakt des Wiener Staatsballetts zum Herzstück eines dreiteiligen Abends, der ein Fest der Muster feierte.

Wie ein Triptychon lehnen sich Werke dieses Abends aneinander. Die klassische Eröffnung als akrobatische Leistungsschau, das Ende als schonend experimentierende Uraufführung an der Schnittstelle zum Schauspiel, dazwischen ein erfolgreiches zeitgenössisches Werk, das die beiden Pole des Formalen und Erzählerischen mit einem Kunstgriff eint.

Inmitten der samt Projektoren und Schneeflocken kraftvoll inszenierten Nacht leitet Liang pure Emotion aus einem von der Natur abgeschauten Formenspiel ab und übersetzt die Musik von Ezio Bossos Violinkonzert (Solo: Philharmoniker-Konzertmeisterin Albena Danailova) mit großer Geste in ein Hohelied auf das Kollektive, das das Individuelle nicht verschluckt, sondern sich übersummativ an ihm auflädt. Ein tolles Stück, das vor allem Nina Polakova und Roman Lazik glänzen ließ und vom Publikum frenetisch gefeiert wurde.

Formenspiele statt Handlungsballett, das war schon ein Credo von Georges Balanchine, ebenso wie die Überzeugung, dass Tanz sichtbar gewordene Musik sei. Mit seiner "Symphonie in C" zu Georges Bizet machte er diese Prinzipien überdeutlich: Jedem kompositorischen Motiv wird ein choreografisches zugeordnet, mit steifem Lächeln und noch steiferem Tutu gehen die Visualisiererinnen ans Werk und erheben Symphonik und Spitzentanz zur scheinbar notwendigen Symbiose.

Dass ihnen - allen voran der Ersten Solistin im langsamen Satz, Liudmila Konovalova, übermenschliche Körperbeherrschung abverlangt wird, darf man sehen. Vor allem, wenn man weiß, dass Konovalova ihre Mitwirkung wegen einer Verletzung kurzfristig einschränken musste. Gelächelt wird freilich trotzdem.

Beschlossen wurde der Abend, an dem Faycal Karoui die verbliebenen, nicht zum Japan-Gastspiel der Staatsoper verreisten, Mitglieder des Staatsopernorchesters beherzt, aber bisweilen etwas unscharf durch die Partitur führte, durch die Uraufführung eines Auftragswerks. Beschlossen, wenn auch nicht gekrönt, denn Daniel Proietto erstickt sein eher konventionelles, aber über weite Strecken formenfroh choreografiertes "Blanc" durch einen schwülstigen Text (Akan Lucien Oyen), der sich mehr nach pubertärem Weltschmerz als nach dem existenziellen Kampf mit der Muse (von expressiver Grazie: Ketevan Papava) anhört und von Laurence Rupp auf ziemlich verlorenem Posten inmitten der anmutigen Tänzerinnen vorgetragen wird. Mut zu Uraufführungen ist gut, mutigere Uraufführungen sind besser.

Quelle: APA

Aufgerufen am 19.09.2018 um 04:59 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/geometrie-des-fliegens-staatsballett-feierte-saisonauftakt-923725

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