Kunst

Gier nach dem anderen schwarzen Gold

Mächtige Konzerne, ausgebeutete Arbeiter und hilflose Justiz? Eine Anwalts-Praktikantin ist Speerspitze in Grishams neuem Roman "Anklage".



Ein Anwältin, die 29-jährige Samantha Kofer, wird im Zuge des Desasters der Bank Lehmann Brothers 2008 und der folgenden Wirtschaftskrise arbeitslos. Die große New Yorker Kanzlei mit 2000 Anwälten, in der sie dabei war, sich als Praktikantin hochzuarbeiten, lässt ihr aber ein Schlupfloch. Ihre Firma behält sie noch zwölf Monate unter Vertrag und übernimmt laufende Kosten, sofern sie sich dafür ein Jahr gratis in einer kleinen Pro-Bono-Kanzlei in der tiefsten Provinz verpflichtet. Danach könne sie wieder einsteigen, sollte sich die Lage beruhigt haben.

Von Washington, wo ihre Mutter Karen eine wichtige Position im Justizministerium innehat, was später Bedeutung erlangen wird, sind es nur 500 Kilometer nach Brady im Südwesten von Virginia, in den Gebirgsmonumenten der Appalachen gelegen. Dort steigt Samantha in die Mountain Law Clinic ein, wo sie zwar kein Geld erhält, aber immerhin kostenlose Logis. Das lokale Motto lautet: "Wir arbeiten nicht pro Stunde, sondern pro Mandanten." Was bedeutet, dass sich Samantha nicht nur um die rechtlichen Belange ihrer Klienten sorgen muss, sondern auch um deren Bedürfnisse und Unterkunft.

Da das Buch "Anklage" heißt, was natürlich mehrdeutig gemeint ist, erwartet sich ein gelernter Grisham-Leser einen spannenden Fall, der das Buch zum Page-Turner machen soll. Bis Seite 300 zeichnet sich so ein Fall, eine derart markante Anklage, nicht im entferntesten ab. Vielmehr verzettelt sich der Autor in Begebnissen und Erlebnissen von Samantha, die ihr Loft in Soho für 2000 Dollar im Monat aufgibt und beginnt, sich von ihrem Karriereknick zu erholen.

Immerhin spielt das Buch in der Heimat des Bestsellerautors, Virginia und Westvirginia. Somit ist wohl davon auszugehen, dass die Tatsache stimmt, dass dort, in den Appalachen, zu Weihnachten und auch später Schnee kein beherrschendes Thema ist. CharakterprüfungEs geht in diesem Roman vielmehr um die auch charakterliche Reifung der Praktikantin Samantha, die es in der kleinen Kanzlei der Mountain Law Clinic vor allem mit Fällen von Staublungen bei Bergarbeitern und entsprechenden Entschädigungsforderungen zu tun bekommt. Staublungen sind vermeidbare berufsbedingte Lungenkrankheiten, die durch langandauernden Kontakt mit Kohlenstaub ausgelöst werden. "Gegen sie gibt es keine Heilung und keine wirksame medizinische Behandlung", lässt Grisham einen Gutachter festhalten.

Aber es geht noch weiter: "Das Gesetz verbietet es einem Bergmann, einen Anwalt zu bezahlen. Daher muss ein Bergmann mit der Krankheit Staublunge seine Ansprüche in der Regel ohne rechtlichen Beistand durchsetzen, während die Unternehmen mit erfahrenen Anwälten, die das System manipulieren, energisch gegen die Ansprüche vorgehen." Und so kommt es, dass nur fünf Prozent aller Bergleute mit Staublunge eine Entschädigung bekommen.

Samantha erfährt, dass "einige der Countys im Kohlenrevier die höchste Krebsrate des ganzen Landes aufweisen." Das Hammer Valley etwa wird als Krebs-Cluster bezeichnet, das von der Peck-Mountain-Mine verseucht worden war und dessen Tumorrate zwanzig Mal so hoch ist wie sonst in den ganzen USA.

Zudem nehmen sogar die bitterarmen Menschen der Gegend Crystal Meth, die inzwischen auch in Europa angekommene synthetische Droge, deren furchterregenden Wirkungen David Foster Wallace in seinem Romankoloß "Unendlicher Spaß" düster beschrieben hat.

Wenn Grishams Roman punktet, dann bei den Beschreibungen von Samanthas persönlichen Erlebnissen im Provinznest, ihrer Abnabelung von den Metropolen New York und Washington sowie den zahlreichen tragischen Fällen, zu deren Bewältigung sie schon nach drei Monaten immer mehr beizutragen imstande ist.

Und so manches Testament, das die Mountain Law Clinic kostenfrei aufsetzt, deren Klienten zu den Ärmsten der Armen zählen, dem sozialen Elend - entpuppt sich als erbitterter Streitfall, aber im Textkonvolut eben nur en passant.

Vielmehr ist es Grisham ein zentrales Anliegen, die brutalen Verhaltenweisen der Kohlegesellschaften gegenüber ihren Arbeitern an den Pranger zu stellen. Dabei spielt die Zerschlagung der Gewerkschaften vor Jahrzehnten ebenso eine Rolle wie die juridischen Machenschaften der Kohlegiganten mit nicht minder skrupellosen, mächtigen Anwaltskanzleien. Damit nicht genug, gelingt es den Konzernen, das FBI für ihre Absichten einzuspannen und die ohnehin auf verlorenem Posten stehenden, erkrankten Bergleute fertigzumachen. "Wenn man in den Appalachen gegen ein Kohleunternehmen klagt, kann man sich nicht darauf verlassen, eine unvoreingenommene Jury zu bekommen. Die Kohleunternehmen manipulieren Politiker, Inspektoren, Richter und kontrollieren oft auch die Geschworenen", sagt ein Anwaltskollege Samanthas: "Wer sich an die Regeln hält, verliert, selbst wenn er auf der richtigen Seite steht." Gegen das FBI helfen schließlich die Beziehungen von Samanthas Mutter Karen. Parallelen zu Charlotte SimmonsDer Stoff erinnert an Tom Wolfe, der in seinem vorletzten Roman "Ich bin Charlotte Simmons" ebenfalls eine weibliche Hauptfigur durch das Geschehen führen ließ - wenngleich auch viel geschmeidiger.

Nebenbei betreibt Grisham Namedropping, etwa mit Madison County, das schon einige prominente Filmtitel (etwa "The Bridges of Madison County") zierte, wenngleich diese Filme in den Madison Countys von Iowa und Winscounsin spielen. Dann tritt ein Snowden (!) als Lobbyist auf. Und besonders raffiniert ist der Name einer Klientin, die Booker heißt und damit den "Booker's Prize" in Erinnerung ruft. Obgleich dies eine britische Literatur-Auszeichnung ist, hat immerhin schon Philip Roth dessen internationalen Ableger gewonnen.

Sprachlich ätzt sich Grishams sonst passabel flüssiger Text durch allerlei stilistischen Geschmackstümpel: "Mit einem vollen Tank und einer leeren Blase" lässt er seine Protagonistin zum Beispiel nach Hause nach Washington fahren. Allerdings wird immer wieder beim Leser der Verdacht genährt, dass die drei (!) Übersetzerinnen nicht immer sattelfest sind. Wie sonst könnten englische Formulierungen wörtlich und deshalb plump etwa mit "Ich bin spät" übertragen werden? Oder die verräterische Übersetzung "lernte sie, dass . . .". Außerdem gibt es zahlreiche Satz- und Formulierungsdoubletten ("Druck, jemand beindrucken zu wollen" oder gar einen "Imbiss zu essen"). Für einen von Frauen dominierten Roman ist ein Satz über einer Frau, die unter häuslicher Gewalt leidet, besonders geschmacklos: "Auf der einen Gesichtshälfte waren noch die blauen Flecken von der letzten Schlägerei zu sehen." Klischee lass nach: Wie derzeit in vielen anderen Romanen "kauern" auch bei Grisham "erbärmliche Hütten dicht gedrängt im Schatten der Berge".

Fast schon amüsant sind die unbeholfenen Versuche, der Geschichte eine weibliche Note zu verleihen. Dabei werden viele Vorurteile bedient, was Gespräche besonders über Männergeschichten betrifft. Grisham schreibt: "Samantha hätte gern mehr über das mutmaßliche Techtelmechtel zwischen Annette und Donovan gewusst." Brave HausmännerVor allem wird sehr viel Kaffee getrunken, nicht nur von Samantha, sondern auch von den durchwegs weiblichen Mitgliedern ihrer neuen Kanzlei. Auch die Tatsache, dass es brave Hausmänner gibt, die von sich aus Kaffee machen und dann auch noch automatisch Geschirr abwaschen, ist bemerkenswert. Der wiederholte Konsum von koffeinfreiem Kaffee am späten Abend ist seltsam, weil Grisham offensichtlich noch nie davon gehört hat, dass sogenannter koffeinfreier Kaffee in Wahrheit durchaus noch etwas Koffein enthält.

Die Wahrnehmung des Romans hängt gewiss auch ab von der Lebenssituation des Lesers. Passagenweise werden die Berglandschaften bewundert, auch, um den Kontrast zu den im Tagebau abgetragenen Kohlevorkommen mit gleichzeitiger übler Beseitigung ganzer Bergkuppen herauszuarbeiten. So ein Szenario heißt dann "verstümmeltes Land" und nüchtern lautet das Fazit: "Hier haben wir in den letzten dreißig Jahren etwa sechshundert Berge an den Tagebau verloren."

Die Handlung ist langatmig, vorwiegend in strengem Schwarz-Weiß - sprich Gut und Böse - gehalten, von Beginn an vorhersehbar und zwangsläufig kein bisschen spannend. Sollte zum Schluss ein Clou vorgesehen sein - er zündet jedenfalls nicht.

  • John Grisham: Anklage
  • Heyne Verlag
  • 511 Seiten
  • 23,70 Euro

Aufgerufen am 21.10.2018 um 05:04 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/gier-nach-dem-anderen-schwarzen-gold-2548642

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