Kunst

"Gleißendes Glück" im Kino: Martina Gedeck auf Sinnsuche

In der Literaturverfilmung "Gleißendes Glück" spielt Martina Gedeck eine Frau, die Gott verloren hat, und unerwartet zu sich findet.

Eine geprügelte Ehefrau, die ihren Glauben verloren hat und ihren Lebenssinn in der Begegnung mit einem Psychologieprofessor sucht: Die Protagonistin in A.L. Kennedys Roman "Gleißendes Glück" entwickelt unwahrscheinliche Kräfte, um zu ihrem Glück zu finden. Sven Taddicken hat den Roman nun verfilmt, mit Martina Gedeck in der Hauptrolle als einer Einsamen, die ausgerechnet in einem Mann, der sich als pornosüchtig entpuppt, ein unerwartetes Gegenüber findet. Gerade erst hat Gedeck die Marlen-Haushofer-Verfilmung "Wir töten Stella" abgedreht, erneut unter der Regie von Julian Pölsler, der den Film als Vorgeschichte von "Die Wand" anlegt. "Gleißendes Glück" ist ein seltsamer Film, verstörend und anrührend und empörend und zart und kaum erträglich gewaltsam. Und es ist ein Film über die Schwierigkeit, sich selbst zu finden.

SN: In "Gleißendes Glück" spielt die Idee eine Rolle, einen Glücksort im eigenen Gehirn zu finden. Haben Sie auch so einen Ort im Kopf?
Martina Gedeck: So ein Glücksort für mich immer etwas mit Beziehung zu tun. Ich glaube, dass wir uns auf jemanden oder etwas beziehen müssen als Menschen, und das kann uns glücklich machen. Für Helene Brindel, die ich in "Gleißendes Glück" spiele, war dieses Gegenüber ja Gott, ein Gegenüber, in dem sie aufgehoben war, in dem sie zuhause war, von dem sie sich umgeben gefühlt hat. Dass sie das verloren hat, heißt, dass sie eigentlich aus sich selbst herausgefallen ist, aus ihrem eigentlichen Lebensentwurf, aus dem, wie sie gemeint war. Sie ist ganz verloren, wenn wir ihr begegnen am Anfang.

SN: Was ist denn das, was Helene da verloren hat? Sie nennt es Gott, die Sicherheit, dass da jemand ist. Aber liegt ihre Verlorenheit nicht an etwas ganz anderem?
Sie lebt mit einem Mann zusammen, der sie hindert, zu sein, was sie eigentlich ist. Sie ist erstarrt in den Pflichten und Zwängen, die sie sich durch ihn auferlegt hat. Im Roman sagt sie, "Ich hab eigentlich alles richtig gemacht. Ich hab den Mann, den ich geliebt habe, geheiratet. Und ich hab mich um alles gut gekümmert. Und plötzlich war Gott weg." Ihre Lebensfreude war weg, weil sie versucht hat, etwas zu erfüllen, von dem sie sich vorgestellt hat, dass man das so macht. Und dann hat das auch damit zu tun, dass ihr Ehemann ihr mit extremer körperlicher Gewalt begegnet. Und sie kommt da nicht heraus, weil sie aufgrund ihrer Vorstellungen sagt: "Ich kann mich ja nicht einfach so scheiden lassen. Ich bin ja diesem Manne anvertraut." Wir mögen das absurd finden, aber es gibt viele Menschen, für die das ja so ist, auch in unserer aufgeklärten Gesellschaft. Und da liegt sie dann auf der Couch, und fragt Gott, "Wo bist du?"

SN: Helene sucht ihr Glück in Selbsthilfeliteratur. Haben Sie sowas je gelesen?
Nein. Es gibt sicher Bücher, die da einen Anstoß geben können. Aber jeder einzelne Mensch ist ein so komplexes Wesen, da gibt's keine Rezepte. Aber die Verheißung, dass es möglich ist - und das macht dieser Psychologieprofessor natürlich ganz geschickt, indem er sagt, wir sind ja alle sehr naturwissenschaftliche geprägt, es gibt da ja Rezeptoren im Gehirn" - das ist also physiologisch greifbar, und nicht nur eine Vorstellung. Und hier geht es ja um etwas, das viele Menschen umtreibt: Bilde ich mir das alles nur ein? Bilde ich mir Gott nur ein, bilde ich mir das Glück nur ein? Wenn du sagst, "Da gibt's hinten im Gehirn so eine Zelle, und wenn ich die aktiviere, dann bin ich glücklich" - das leuchtet den Leuten eher ein.

SN: Und Ihnen?
In der Zeit, die man für so ein Buch braucht, könnte man sich einfach hinsetzen und ein bisschen nachsinnen, in sich gehen und vielleicht spazieren gehen und sich damit beschäftigen: Wie geht's mir, was will ich, was ist mein Leben? Die Zeit nimmt man sich nämlich nicht, einfach herumzusitzen. Ich will jetzt nicht groß von früher reden, aber da gab es halt keinen Fernseher, also saß man abends halt beieinander, man hat vielleicht gestrickt oder gestickt, hat Musik gemacht, sich unterhalten oder auch nicht - und das sind die Momente, wo du plötzlich so etwas wie eine Eingebung haben kannst, eine Idee. Du musst eine einfache Tätigkeit tun, wie zum Beispiel stricken, oder auch Schafe hüten. Viele von den großen Propheten in der Bibel waren Schäfer, einfache Leute, die eine einfache Verrichtung tun, und plötzlich haben sie Gottes Wort gehört. Und das heißt, sie hatten irgendeine Idee oder eine Eingebung.

SN: Es muss halt still rundherum sein, damit das zu hören ist.
Ja. Oder zumindest in dir musst du still sein.

Kino: Gleißendes Glück. Regie: Sven Taddicken. Mit Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Johannes Krisch. Start: 8.12.

(SN)

Aufgerufen am 18.06.2018 um 09:34 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/gleissendes-glueck-im-kino-martina-gedeck-auf-sinnsuche-812824

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