Kunst

Golshifteh Farahani: "Ich bin ein Baum ohne Wurzeln"

Für den Iran ist sie zu frivol. Also lebt Golshifteh Farahani in Paris und arbeitet mit Kultregisseur Jim Jarmusch am nächsten Karriereschritt.

Seit acht Jahren lebt Golshifteh Farahani im französischen Exil. Daheim im Iran ist sie nicht mehr willkommen. Es heißt, zu frivol seien ihre Rollen im Ausland gewesen.

Nun hat Regisseur Jim Jarmusch die Schauspielerin für seinen Film "Paterson" (ab Freitag im Kino) besetzt. Sie spielt eine häusliche Künstlerin an der Seite von Adam Driver. Er ist in dem Film ein Busfahrer, der dichtet. "Paterson" ist ein stiller, verschmitzter Film über Poesie im Alltag.

Für Farahani, bisher im französischen Arthouse-Kino erfolgreich, ist dies ein weiterer Schritt zur internationalen Karriere. Aber ihre iranischen Wurzeln vergisst sie dabei nicht.

SN: Was bedeutet Ihnen Jim Jarmusch?
Golshifteh Farahani: Ich bin seit meinem zwölften Lebensjahr ein Fan von ihm. Im Iran gab es diese Fernsehsendung, wo Arthouse-Filme gezeigt wurden, und da hab ich mich verliebt in seine Art, Geschichten zu erzählen, und hab überall damit angegeben, dass er mein Lieblingsregisseur ist. Mit ihm zu arbeiten war unglaublich.

SN: Als Laura im Film sprechen Sie ein paar Mal über persische Poesie. Stand das im Drehbuch?
Jim lässt zu, dass seine Schauspielerinnen und Schauspieler ihre eigene Vergangenheit in den Film mitbringen. Wir waren frei, er achtete nur darauf, dass alles richtig ist. In manche der Vorhänge, die ich im Film bemale, sind persische Gedichte geschrieben. Dann sind da all diese Lieder, die vorkommen, von Aghrabe Zolfe Kajet und Soltane Ghalbha, und auch die Fotos meiner Großeltern, die Bilder von mir und meinem Bruder. Als ich den Film bei der Premiere in Cannes gesehen habe, war ich bewegt. Wir haben ein Stück Iran in einen Jim-Jarmusch-Film gepackt. Und ich hab an all die unabhängigen Filmemacher im Iran gedacht, die das sehen werden. Das ist bedeutungsvoll.

SN: Im Zentrum des Films steht aber US-amerikanische Poesie. Haben Sie sich damit auseinandergesetzt?
Nicht wirklich, wir Iraner sind so getränkt von unserer Literatur und Poesie. So hatte ich nie Zeit, Poesie aus anderen Weltgegenden zu entdecken - bis auf Haiku, ich liebe Haiku. Wir haben diese Art reduzierter Poese nicht in meinem Land. Aber wir haben Ahmad Shamloo und Forough Farrokhzad in der modernen Poesie, dann haben wir Leute wie Hafez, Rumi, Khayyam, Attar - endlose Namen -, Iraj Mirza und Nima. Aber jetzt bin ich neugierig auf William Carlos Williams, der im Film so wichtig ist. Ich interessiere mich jetzt für westliche Poesie.

SN: Ihre Filmfigur Laura ist nie eindeutig aus dem Iran, da ist eine Zweideutigkeit.
Ja, aber das müssen wir ja gar nicht erwähnen. Die USA, Frankreich, alle westlichen Länder sind voll von Menschen aus der ganzen Welt, wir vermischen uns und leben mit einander. Ist es denn wirklich so wichtig, woher jemand ist? Wenn man in Frankreich Geld für einen Film auftreiben will, fragen die einen aus: "Wo kommt die Figur her? Wenn sie aus dem Iran kommt, warum spricht sie dann englisch?" Es ist ein subtiler Rassismus, den kein Mensch braucht. Und ich bin froh darüber, dass ich in meiner Karriere so weit gekommen bin, dass ich diese ethnischen Fragen hinter mir gelassen habe. Ich spiele im Theater die Anna Karenina, ich spiele die Comtesse de Ségur in der Literaturverfilmung "Sophie's Misfortunes", eine Französin aus dem 19. Jahrhundert. Ich spiele Französinnen, Spanierinnen, Ägypterinnen - das ist mein Beruf.

SN: Ihre Karriere im Exil läuft gut, demnächst sind Sie im fünften Teil von "Pirates of the Caribbean" zu sehen.
Wenn du aus dem Iran kommst, landest du fast automatisch in der Schublade, in der du nur Terroristen spielen darfst. Das ist das Einzige, was den Leuten zu dir einfällt. Ich hab das nie akzeptiert. Aber es braucht auch das Glück, auf jemanden zu treffen, der einem etwas anderes zutraut. Bei mir war das Ridley Scott, der mich für "Der Mann, der niemals lebte" (2008, mit Leonardo DiCaprio, Anm.) besetzte. Das Studio war dagegen, aber ich hab diese Chance genutzt und widme mich nun mit Haut und Haar meiner Arbeit. Ich hab mein geliebtes Land dafür aufgegeben. Ich hätte auch ein bequemes Leben im Iran haben können, dem Geheimdienst im Iran berichten, und dann hätte ich zugleich im Ausland arbeiten können. Viele Leute tun das, aber ich hab es nicht über mich gebracht. Ich muss so arbeiten, wie es meinen Überzeugungen entspricht.

SN: Haben Sie inzwischen in Paris Wurzeln geschlagen?
Ich werde nie irgendwo Wurzeln schlagen können, die sind wahrscheinlich für immer abgeschnitten. Vielleicht werde ich einmal ein Kind haben, und ich kann durch das Kind anwachsen. Aber ich werde nie wieder irgendwo richtig zu Hause sein. Ich bin ein Baum ohne Wurzeln, ich nehme das an und finde es schön. Frankreich hat mich aufgenommen wie eine Mutter, die mich adoptiert hat, liebevoll und fürsorglich. Ich bin heute Französin, Pariserin, und ich bin stolz darauf.

Kino: Paterson. Tragikomödie, USA 2016. Regie: Jim Jarmusch. Mit Adam Driver, Golshifteh Farahani, Helen-Jean Arthur, Luis Da Silva Jr., Method Man. Start: 18. November.

Quelle: SN

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