Kunst

Grelles Grauen: Elfriede Jelineks "Rechnitz" im Volkstheater

Zurückhaltung? Mitnichten! Wenn Elfriede Jelinek in "Rechnitz (Der Würgeengel)" das Massaker an 180 jüdischen Zwangsarbeiten im titelgebenden bürgenländischen Dorf aufarbeitet, spart die Literaturnobelpreisträgerin nicht mit Direktheit.

Und auch der junge Regisseur Milos Lolic hat in seiner Version, die am Sonntagabend im Wiener Volkstheater über die Bühne ging, dem Grellen den Vorzug gegeben.

Es ist das Unaussprechliche, das von den Boten weitergeben wird: Zu Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Rote Armee quasi vor den Toren Österreichs stand, hat Gräfin Margit von Batthyany in ihrem Schloss ein Fest gegeben. Die Gäste: SS- und Gestapo-Männer, lokale Nazis und etliche Sympathisanten des mörderischen Regimes. Zu späterer Stunde, offenbar in ausgelassener Stimmung, entfernte sich ein Grüppchen und erschoss in einem nahegelegenen Stadel 180 ungarische Juden. Danach wurde weitergefeiert - und die Schuldigen nie zur Rechenschaft gezogen.

Genau um diese Täter dreht sich nun alles in "Rechnitz (Der Würgeengel)", obwohl sie selbst absent sind. Lolic hat den Text auf sieben Boten verteilt, die das Gehörte, Gesehene, Erlebte wiedergeben, dabei stets auf ihre passiven Rollen verweisend. Denn wer hat hier schon Schuld? Und was ist letztlich erwiesene Tatsache oder doch nur unhaltbares Gerücht? Die Gräfin scheint ja längst über alle Berge in der Schweiz, ebenso wie andere, die Hand angelegt haben. Argentinien, Südafrika, die Flucht ist der Ausweg. "Es ist nirgendwo besser, nur bei uns ist es überhaupt nie gut", heißt es da.

So schockierend der Texte, so grell und überzeichnet gestaltet der Regisseur seine Bilder: Das hervorragend disponierte Ensemble (Thomas Frank, Katharina Klar, Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher, Claudia Sabitzer und Birgit Stöger) darf nämlich Gräueltaten schildern, während es stark geschminkt und mit Federboas drapiert zu Popnummern tanzt. Da werden beispielsweise mit monströs aufgeblasenen Hüften ebenjene zu Beyonces "Single Ladies" geschwungen, schaut Grace Jones ebenso vorbei wie Janet Jackson und wechselt man mal in Jeans, mal in Lack- und Lederkluft.

Die Projektionen der dazugehörigen Videos überlagern sich mit den Choreografien auf der Bühne, werden gebrochen durch weitere Textpassagen und rücken damit den Partyexzess in die unmittelbare Nähe des Mordens. Aber natürlich ist es weit mehr, was Jelinek und auch Lolic hier verhandeln, als nur ein bis heute undurchsichtig scheinendes, weil nie restlos aufgearbeitetes Massaker. Die Frage der Schuld der Nachgeborenen ist stets präsent, die Suche nach möglicher Verantwortung und das immer wieder einkehrende Wegschauen und Weghören - sie machen "Rechnitz (Der Würgeengel)", das auch auf Luis Bunuels Film Bezug nimmt, so aktuell und schmerzhaft. Der Sprung aus der Vergangenheit ins Heute ist kein weiter.

Immer wieder kippt die mörderische Feierstimmung, versuchen sich einzelne Boten aus dem Fluss des Gesprochenen zu winden, werden aber sofort wieder zurückgeholt. Währenddessen bewegt sich eine stumme Figur (Jasmin Avissar, die auch für die gelungene Choreografie verantwortlich zeichnet) in Zeitlupe zwischen den Sprechenden, verlässt den Saal, um nur wenig später mit einer Kamera wiederzukommen. Denn auch die Beobachter werden hier beobachtet, wenngleich sie sich dessen nicht bewusst sind.

Zum Schluss fällt scheinbar alles auseinander: Während das Schloss durch zu einer Pyramide gestapelte Wandelemente in der Mitte der Bühne angedeutet wird, krachen andernorts Bretter und Stuckteile zu Boden. Den Boten scheint es egal. Sie erledigen ja nur ihre Aufgabe, geben das weiter, was ihnen aufgetragen wurde. Ob man zuhört und versteht, ist natürlich eine andere Frage. Milos Lolic hat jedenfalls genau hingeschaut, auf den Text und die Sprachgewalt Jelineks. Und er hat die richtigen Bilder dafür gefunden. Entsprechend lang war der Applaus nach diesen intensiven zwei Stunden.

Quelle: APA

Aufgerufen am 19.11.2018 um 05:00 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/grelles-grauen-elfriede-jelineks-rechnitz-im-volkstheater-616540

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