Kunst

"High Rise": Dekadent bis zum Untergang

Als Bogenschütze im "Hobbit" zielte er auf ein Massenpublikum. Jetzt zeigt Luke Evans seine finstere Schauspielerseite.

Ein Hochhaus als Abbild der Gesellschaft: Im Science-Fiction-Roman "High Rise" des Kultautors J. G. Ballard leben die Bewohner der oberen Stockwerke eines Wohnkomplexes in unendlicher Dekadenz auf Kosten derer unter ihnen - bis ein Bürgerkrieg ausbricht. Seit seinem Erscheinen 1975 wurde "High Rise" zum Klassiker, nun kommt unter der Regie des Briten Ben Wheatley ("Sightseers") eine unerhörte, brutale und visuell überwältigende Verfilmung ins Kino, mit Luxusbesetzung von Tom Hiddleston über Jeremy Irons bis Sienna Miller. Luke Evans, bekannt aus "Der Hobbit" und derzeit gehandelt als möglicher nächster "Bond"-Darsteller, spielt darin einen Dokumentarfilmer, der die Vorgänge im Hochhaus aufzuzeichnen versucht, und dabei selbst verroht.

SN: Als Sie zugesagt haben zu diesem Film: War Ihnen klar, auf welchen Aberwitz Sie sich da einlassen?
Luke Evans: Nun, das Drehbuch war recht eindeutig. Aber das war ja auch der Grund, weswegen ich diesen Film machen wollte: Weil er mich auf Arten herausfordert, wie ich das bisher noch nie erlebt habe. Mich hat fasziniert, wie gefährlich diese Figur ist, die ich da spiele. Dieser Typ, Wilder, ist schon auf dem Papier furchteinflößend, unberechenbar, und das hat mich begeistert. Aber ich gebe zu, ich war nicht darauf vorbereitet, so viel Zeit mit aufgeschminkten Wunden und bedeckt mit Kunstblut zu verbringen.

SN: Abgesehen vom Blutbad, was empfanden Sie als besonders schwierig?
Da gab es einige Szenen, die mir so fremd waren, dass ich sie schwer zu spielen fand. Die eine zum Beispiel, in der meine Figur Charlotte (gespielt von Sienna Miller) vergewaltigt, das war ein finsterer Tag am Set. Ich mochte das ganz und gar nicht, und auch Sienna hatte damit große Probleme, das war heikel.

Aber es ist Teil der Geschichte, es ist im Buch, und es illustriert, wie Wilders' Charakter immer roher wird, wie er immer weniger bereit ist, die Verlogenheiten dieser Gesellschaft zu akzeptieren, und dabei immer aggressiver wird.

SN: Der Dreh dürfte ungemein intensiv gewesen sein, oder?
Ja, der Film ist ja intensiv, besonders für Wilder, weil er ja behandelt wird, als wäre er der Grund für alles, was im Gebäude passiert. Sie nennen ihn den "Agitator", dabei provoziert er nur, was bereits unter der Oberfläche vorhanden ist. Er ist zugleich ein Beobachter, während alle anderen sich in ihre kleinen Welten zurückziehen und ihre kleinen Partys feiern.

Er ist der einzige, der klar sieht, was passiert, er ist der einzige, der Wahrheiten ausspricht. Und er nimmt seine Kamera, und macht einen Dokumentarfilm darüber, um herauszufinden, was geschieht. Aber es war ungemein heftig, ihn zu spielen. Auf einer Skala von 1 bis 10, wo ich normalerweise bei 5 spiele, war ich bei ihm ununterbrochen bei 8 oder 9. Er ist unberechenbar, er wird zum primitiven Alphamännchen.

SN: Kennen Sie solche Typen?
Oh ja, und so etwas ist immer ziemlich beängstigend. Viele Leute sind nach ein paar Drinks so drauf, im Pub versuchst du, solchen Typen fernzubleiben. Hier war das seltsam, es war, als wären am Set alle ununterbrochen ein wenig betrunken. Das waren wir zwar nicht wirklich, aber niemand war ganz er oder sie selbst. Dieser Film hat uns alle speziell beeinflusst.

SN: Regisseur Ben Wheatley hat dieses Buch schon als Teenager gelesen. Waren Sie auch schon früh Fan?
Nein, ich komme aus einem religiösen Zuhause, so etwas hätte es bei uns nicht gegeben. Ich hätte es vielleicht hineinschmuggeln können, aber nein, ich hab es nicht gekannt. Ben und ich, wir sind unterschiedlich aufgewachsen, er ist viel mehr Büchermensch als ich.

SN: Was Sie beschreiben, ist das Gegenteil von dem, was Wilder im Film ist. Haben Sie so ein Verhalten einmal ausprobiert?
Ich suche immer nach Rollen, die meiner Persönlichkeit möglichst diametral entgegengesetzt sind, oder die mich speziell herausfordern - meine Werte, meine Erziehung, meine Moralvorstellungen. Bei diesem Film wusste ich, da kann ich das Publikum schockieren, weil ich jemanden spiele, der anders ist als ich. Ich wollte beweisen, dass ich das kann. Und ein paar Mal hab ich mich richtig in der Rolle verloren. So etwas ist schön.
SN: Sie meinen, weil das Publikum Sie hauptsächlich als "Bard, den Bogenschützen" in der Hobbit-Trilogie kennt?
Ja, das ist ein bisschen das Problem an solchen Rollen. Bei unabhängigen Filmen hat man viel mehr Kontrolle über die eigene Identität, und wer man im Film sein will. Aber sobald man eine Rolle in mehreren Filmen wieder gespielt hat, denken einen die meisten Leute in dieser Rolle. Und es ist dann eine Herausforderung, wieder unabhängig davon gesehen zu werden.

Kino: High Rise. Science Fiction, GB 2015. Regie: Ben Wheatley. Mit Luke Evans, Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller. Ö-Start: 8. Juli.

Quelle: SN

Aufgerufen am 19.08.2018 um 04:30 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/high-rise-dekadent-bis-zum-untergang-1286902

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