Kunst

Isabelle Huppert: Dieses Gefühl unbedingter Freiheit

Viennale: Isabelle Huppert erlebt mit 63 Jahren einen erneuten Höhepunkt ihrer Karriere, und zwar in zwei völlig konträren Filmen.

Isabelle Huppert: Dieses Gefühl unbedingter Freiheit SN/filmladen wien
Isabelle Huppert, mittlerweile französische Kino-Ikone, in „Alles, was kommt“. FILMLADEN

Schon bei der Berlinale im Februar leuchtete sie aus dem Fes tivalprogramm, mit Mia Hansen- Løves überzeugendem Film "Alles, was kommt": Isabelle Huppert spielt da eine Philosophieprofessorin, der zuerst die Mutter, dann der Ehemann und schließlich der Beruf abhandenkommen und die aus dieser Lebenskrise gestärkt hervorgeht. Und in Cannes gelang ihr dasselbe, in der provokanten, brutalen Gesellschaftskomödie "Elle" (Filmstart: 2017) von Paul Verhoeven: Da ist Huppert eine Geschäftsfrau, die in ihrer eigenen Wohnung von einem Unbekannten vergewaltigt wird und aus diesem Trauma heraus schafft, sich von gesellschaft lichen Zwängen zu befreien. Nun sind beide Filme auf der Viennale zu sehen. Beim Filmfestival in San Sebastián sprach Huppert mit den SN über die Gemeinsamkeiten dieser beiden Frauen und ob Feminismus heute noch relevant ist.

SN: So unterschiedlich die Filme "Alles, was kommt" und "Elle" sind: Haben diese beiden Rollen nicht auch ein paar Dinge gemeinsam?
Isabelle Huppert: Sie haben recht. Mia Hansen-Løve und Paul Verhoeven sind beim Regieführen kaum vergleichbar. Aber die Frauen, die ich da spiele, weigern sich beide, Opfer zu sein. In Verhoevens Film ist das eine Frau, die als Reaktion auf eine Vergewaltigung einen Plan entwickelt, auch wenn sie diesen Plan vielleicht nur unbewusst verfolgt, und die schließlich ihre Rache bekommt. Und bei Mia Hansen-Løves Film findet eine Frau inmitten einer Phase von unglücklichen Erlebnissen auf einmal ein unvorhergesehenes Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit. Sie entdeckt da ein neues Leben, auch unabhängig von ihren eigenen Vorstellungen und Erwartungen.

SN: Wenn wir von Freiheit sprechen: In "Elle" ist sexuelle Freiheit das Werkzeug, durch das diese Frau ihre Autonomie zurückgewinnt, nicht wahr?
Sie haben recht, Verhoevens Film erkundet weibliche Sexualität auf sehr ungewöhnliche Weise. Das Interessante an dieser Figur ist, dass der Überfall zu Beginn mit ihr passiert, doch sie beginnt daraufhin, ihre Sexualität zu erkunden. Ich finde aber nicht, dass man sie reduzieren darf auf eine Karikatur sexueller Ermächtigung, es ist doch etwas subtiler. Sie ist auch keine reine Powerfrau und kein Opfer, sie passt in keine Schublade. Und das ist halt auch realistisch, weil wir im Leben nie nur eines sind. Die Leute werden immer reduziert auf bestimmte Rollen in der Gesellschaft, aber wenn man sich das Leben von Menschen anschaut, meines, Ihres, und auch das Leben von Filmfiguren, ist das viel komplexer. Man sieht nicht auf einen Blick, wie jemand sich selbst empfindet und welche unterschiedlichen Rollen er oder sie erfüllt. In diesem Film geht es darum, was hinter der Fassade steckt, hinter der Mutter, der Tochter, der Unternehmerin, hinter diesen gesellschaft lichen Masken. Mich erinnert das daran, wie Claude Chabrol gearbeitet hat in all diesen Filmen, die ich mit ihm gedreht habe. Auch bei ihm war das so: Je mehr wir über eine Figur wussten, desto weniger konnten wir beantworten, warum etwas so und nicht anders ist. Sie haben also am Ende immer noch keine Antworten, aber ohne Frust: Sie sind voller interessanter Fragen, was uns zu den menschlichen Wesen formt, die wir sind, und welche Rolle unsere Vergangenheit dabei spielt.

SN: Sehen Sie Parallelen zwischen dieser Rolle und Erika in Michael Hanekes "Die Klavierspielerin"?
Ja, insofern, als vielleicht beide Frauen etwas sehr Wildes, Ungezähmtes haben. Beide agieren amoralisch, könnte man sagen. Vielleicht haben sie eine radikale Vorstellung davon, was Liebe sein soll, was eine sexuelle Beziehung ausmachen soll. Das bedeutet nicht, dass sie es finden, in beiden Fällen sind es Porträts von zwei recht einsamen Frauen. Aber während es für Erika letztlich keinen Ausweg gibt, hat Michelle in Verhoevens Film viel mehr Kontrolle über ihr Leben.

SN: Die Situation der Professorin in "Alles, was kommt" wirkt im Vergleich dazu fast alltäglich, eine Frau mit erwachsenen Kindern, die sich in ihrem Leben neu orientieren muss. Ist das einfacher zu spielen?
Ach, letztlich ist der Unterschied gar nicht so groß. Beide Filme haben mir eine große Bandbreite an Situationen geboten, in denen ich sie darstellen konnte, auch in Beziehung zu anderen Personen. Und in beiden Filmen waren die Dialoge wirklich ausgezeichnet, und das hat mir die Gelegenheit gegeben, auch mit Ironie und Humor zu arbeiten. Noch deutlicher ist das in Pauls Film, der als Komödie gelesen werden kann, aber auch in Mias Film gibt es neben den dramatischen und berührenden Momenten immer wieder eine ironische Distanz, mit der ich gern spiele.

SN: In beiden Filmen spielen Sie da Frauen, die am Ende unabhängig geworden sind. Empfinden Sie das als Antwort auf einen wiedererwachenden Machismo?
Ach, dieser Machismo hat doch nie richtig geschlafen. Es gibt immer noch viele Momente, in denen wir Frauenhass erleben, und nicht einmal in meiner privilegierten Situa tion gelingt es, dem auszuweichen. Manche empfinden es heute ja als lächerlich, sich als Feministin zu bezeichnen, als wäre das ein Schimpfwort. Aber klar bin ich auf der Seite der Frauen. Eine Feministin sein bedeutet schlicht, Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen bekämpfen zu wollen. Natürlich bin ich Feministin.

Kino: Alles, was kommt. Drama, Frankreich/Deutschland 2016. Regie: Mia Hansen-Løve. Mit Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka, Édith Scob, Sarah Le Picard, Solal
Forte. Start: 4. 11.

Quelle: SN

Aufgerufen am 25.09.2018 um 11:27 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/isabelle-huppert-dieses-gefuehl-unbedingter-freiheit-939682

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