Kunst

Jeder Strich ein Gefäß: Hubert Scheibl im Belvedere

Große Bilder gehören nicht unbedingt in große Räume. Ein enges Kabinett mit niedriger Decke zwingt den Betrachter geradezu hinein in den Dialog mit der Oberfläche eines gewaltigen Großformats. In der Orangerie des Belvedere eröffnet am Dienstag "Fly": Eine Ausstellung, in der Hubert Scheibl nicht nur 34 seiner jüngeren Werke zeigt, sondern gekonnt mit der Architektur experimentiert.

Jeder Strich ein Gefäß: Hubert Scheibl im Belvedere SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Für Agnes Husslein-Arco ist es die letzte Ausstellung ihrer Amtszeit.

Auch der Umkehrschluss ist korrekt: In den luftigen Perspektiven eines großzügigen White Cube entfalten kleinere Arbeiten mitunter ein ganzes Spektrum an Bedeutungen. "Die Form, in der man sich auf die Bilder einlassen kann, ist Hubert wichtig", so Direktorin Agnes Husslein-Arco. Untermauert hat der Künstler das unter anderem, indem er die Kunstvermittler des Museums schon früh in sein Atelier einlud - sowie die Besucher selbst via Virtual-Reality-Brille. Das "sinnliche Vergnügen" der Bilder und die "Herausforderung, sie zu ergründen" erhält nicht nur dadurch eine zusätzliche Dimension.

Überhaupt gibt sich Scheibl in seinen neueren Werken lustvoll dem Spiel mit den Dimensionen hin. Farbtopf, Pinselstrich und Raum sind seine Werkzeuge, mit denen er die gestische Abstraktion in hochauflösende, fast fotografische Arbeiten mit 3-D-Effekt malt. Jeder Strich ein Gefäß. Die neuen Arbeiten sind weniger pastos als seine früheren, farbsüchtigen Formate, setzen auf die Klarheit einer fein geschliffenen Linse im Mikroskop, hochskaliert auf eine ganze Wand. Er habe sie auch gar nicht in Bezug setzen wollen zu früheren Werken, sagte der Künstler. "Ich wollte etwas Eigenes machen mit diesen Räumen."

Scheibl, der 1998 auch im damaligen 20er Haus ausgestellt war, habe sich die Räume der Orangerie explizit gewünscht, so Husslein. Generell würden zeitgenössische Künstler den White Cube-Einbau sehr schätzen. "Nach fast zehn Jahren kann man sagen, die Orangerie funktioniert - ich bin sehr froh, dass ich das so gemacht habe." Die designierte Husslein-Nachfolgerin Stella Rollig hatte erklärt, die einzelnen Belvedere-Standorte klarer in ihrem Profil schärfen zu wollen und sich in einem Interview unter anderem gewundert, warum Scheibl in der Orangerie anstelle des für zeitgenössische Kunst reservierten 21er Hauses gezeigt wird.

Für Husslein-Arco ist es die letzte Ausstellung ihrer Amtszeit. "Scheinbar sind Ausstellungen mit Hubert immer die letzten meiner Direktion", stellte Husslein amüsiert fest. "Das war in Salzburg auch schon so." Auch wenn es nicht so geplant war: Die von ihr betriebenen Umbauten am Unteren Belvedere und deren Beitrag für ein versatiles zeitgenössisches Programm hätte man zum Abschied kaum eindrucksvoller in Szene setzen können.

Quelle: APA

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