Kunst

John Cale live: Wild in das Innerste der Songs dringen

Leonard Cohens "Hallelujah" verlischt nie. John Cale trägt dazu bei mit einem neu aufgelegten Live-Album, auf dem er Songs bis zum Kern schält, damit sie dann ewig strahlen.

Akkorde explodieren. Der Flügel droht zu bersten. John Cale hämmert auf die Tasten. Seine Stimme dreht durch, überschlägt sich am Ende der Verse. Und wenige Momente später steigt die gleiche Stimme aus der düsteren Hysterie in ein befreiendes Licht. Sie schmiegt sich kätzchenweich an. Beklemmung breitet sich aus, wenn Cale wie ein kriegerischer Kämpfer "Fear's a man's best friend" schreit. Samten schmeichelnd lässt er das "Ship of Fools" gleiten. Kaum wahrnehmbar zart erinnert er in "Style It Takes" an seinen Mentor Andy Warhol. Dann bewegt er sich in elegant umarmendem Schwung durch "Buffalo Ballet". Unheimlich zerbrechlich eignet sich Cale auch Leonard Cohens "Hallelujah" an. Da tauchen Verse auf, die man von Cohen gar nicht kennt. Der kürzlich verstorbene Dichterpoet faxte an Cale ein paar der zig Strophen, die er selbst verworfen hatte.

Gespenstische Stille. Tobender Akkordrausch. Härte und Zärtlichkeit. Solch eine Abwechslung, gepackt in 71 Minuten Live-Musik, wühlt auf - auch nach den vielen Jahren, die diese Aufnahmen schon bekannt sind.

Dieser Tage erscheint noch einmal, was unter dem Titel "Fragments Of A Rainy Season" seit 1992 zu den besten Live-Alben der Popgeschichte gehört. Immer noch die gleichen Songs, allerdings angereichert mit einigen bisher unveröffentlichten Versionen, sind da von Cale zu hören. Und immer noch - oder jetzt erst recht? - erweist sich das Album als herausragendes Live-Dokument darüber, wie ein Künstler sich total öffnet, wie er sich scheinbar waffenlos auf die Bühne setzt, wie er sein Werk aufreißt, jede Verletzlichkeit in Kauf nimmt, um den Kern seiner Kunst strahlen zu lassen. Nur mit Gitarre und Klavier (und bei späteren, ähnlich strukturierten Auftritten - unter anderem im Juli 1995 auf der Halleiner Pernerinsel - mit Streichquartett) kam Cale. Er bot im Alleingang Abende ohne Durchhänger und voll atemraubender Intensität.

Für Cale - als Mitglied von Velvet Underground seit den späten 1960ern eine sogenannte Legende - endete damals eine künstlerisch magere Zeit. Mit Interpretationen der Gedichte seines walisischen Landsmannes Dylan Thomas ("Words For The Dying"), dem Tributealbum an Andy Warhol ("Songs For Drella" mit Lou Reed) und "Wrong Way Up" (mit Brian Eno) kehrte seine kreative Kraft zurück - und dann, allein auf der Bühne, schenkte er ihr alle Freiheiten.

Schon im vergangenen Februar hatte Cale Vergangenheitsaufarbeitung betrieben. 33 Jahre nach dem Original schickte er das Album "Music For A New Society" unter dem Akronym "M:fans" noch einmal in ein neues Leben. Dafür trieb er den alten Songs das Gespenstische aus. Radikal nahm er sich die eigene Arbeit noch einmal vor.

Die Neuauflage von "Fragments . . ." ist der alte Stoff. Wer das Album kennt, weiß, was er - nun mit 31 Extraminuten - geboten bekommt. Wer's nicht kennt, hat etwas versäumt, das nachgeholt werden kann. Wenn es - neben der künstlerischen Erwägung, dass einer in Bestform zeigt, wie auf der Bühne Spannung erzeugt wird - einen guten Grund für die Wiederveröffentlichung gibt, ist es die Nachfrage. Das Album wird im Internet um bis zu 500 Euro gehandelt. Diese Antiquariatspreise werden purzeln. Wenn sich die Verwertung der Vergangenheit so frisch anhört, kann ein Rückblick jedoch zum höchst lohnens-, also hörenswerten Schritt werden.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 11:41 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/john-cale-live-wild-in-das-innerste-der-songs-dringen-615007

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