Kunst

Julya Rabinowich präsentiert erstes Jugendbuch

"Dazwischen: Ich". So lautet die Grundstimmung, die ein Flüchtlingskind in seiner neuen Heimat erlebt, eine Zerrissenheit zwischen Aufbrechen und Ankommen, der Verbundenheit zu Eltern und Geschwistern und der Freude über neue Freunde. So heißt auch das erste Jugendbuch von Julya Rabinowich. Die Autorin (zuletzt: "Krötenliebe") bringt viel Erfahrung und Empathie ein und trifft den richtigen Ton.

Julya Rabinowich präsentiert erstes Jugendbuch SN/APA (Hochmuth)/GEORG HOCHMUTH
Die Autorin bringt viel Erfahrung und Empathie ein.

So lebensecht und detailgenau Rabinowich, die vor fast vier Jahrzehnten selbst als Kind mit ihren Eltern von Russland nach Wien kam, über das schwierige Leben der 15-jährigen Madina in einem Flüchtlingsheim zu berichten weiß, so sehr verweigert sie eine konkrete Zuordnung ihrer Geschichte: "Wo ich herkomme? Das ist egal", heißt es gleich zu Beginn, "Ich komme von Nirgendwo. Hinter den sieben Bergen. Und noch viel weiter. Dort, wo Ali Babas Räuber nicht hätten leben wollen. Jetzt nicht mehr. Zu gefährlich."

Madina, die Ich-Erzählerin, hat es eigentlich super erwischt. Sie hat als Schülerin nicht nur eine wichtige Aufgabe, die ihrem Alltag Struktur gibt und ihr eine Grundlage für eine weitere Existenz im neuen Land schaffen kann, sie hat auch ihre Schulfreundin Laura, die ihr hilft, neue Wurzeln zu schlagen, und eine strenge, mitunter auch nervige Lehrerin, die alles versucht, dem Schützling eine Klassenwiederholung zu ersparen.

Sorgen bereiten Madina dagegen ihre Eltern. "Manchmal hat Papa Angst, dass ich ihm so fremd werde wie das Land, das ihn jetzt umgibt. Aber das bilde ich mir bestimmt nur ein. Bestimmt. Er ist so stolz auf mich, weil ich gut Deutsch sprechen kann. Das ist etwas, das er nicht zusammenbringt. Aber er hat auch keine Lehrerin wie ich. Und keine Laura."

Zu den Problemen mit den Behörden, der Überforderung der Eltern mit der neuen Sprache und der neuen Kultur, kommen schwere Träume, die Erinnerungen an die erlebte Gewalt und ein dunkles Familiengeheimnis, das die Beziehung von Madinas Eltern zu der ebenfalls geflüchteten Tante schwer belastet. Die Vergangenheit holt den Vater ein, und schließlich steht die erzwungene mögliche Rückkehr des Vaters als Drohung im Raum. Rabinowich vermeidet nach Kräften eine 08/15-Flüchtlingsgeschichte. Jedes Schicksal ist anders.

Das Buch ist für Leserinnen und Leser ab 14 Jahren empfohlen. Auch, wenn man vielleicht manche gewählte Ausdrücke und Sprachbilder nicht vollends glaubwürdig dem erzählenden Ich zuschreiben mag, muss "Dazwischen: Ich" als Schullektüre dringend ans Herz gelegt werden. Nirgends erfährt man so glaubwürdig und vorurteilslos über die Probleme von Migration und Integration und darüber, wie wir selbst helfen können, diese nach Kräften zu verringern. In der jetzigen aufgeheizten politischen Situation ist dieses Buch ein unschätzbar wertvoller Beitrag, ein Aufruf zur Menschlichkeit, dem man auch möglichst viele erwachsene Leser wünschen mag.

Julya Rabinowich: "Dazwischen: Ich", Hanser, 256 S., 15,50 Euro, empfohlen ab 14 Jahren

Quelle: APA

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