Kunst

Klavierabend mit Maurizio Pollini: "Für den, der heimlich lauschet"

Der großartige Klavierabend des großen Maurizio Pollini in Salzburg.

Klavierabend mit Maurizio Pollini: "Für den, der heimlich lauschet" SN/sf/borrelli
Pianist Maurizio Pollini im Großen Festspielhaus.

Was für ein Konzert! Dem sonst so verschlossenen Maurizio Pollini huschte bei den ihm zugedachten Applaus-Kaskaden mehr als nur ein Mal ein leises Lächeln über das Gesicht. Der intellektuelle Zauberer am Klavier zeigte eine Emotion, die er sich sonst zu versagen pflegt. Dass das mehr als eine Eintagslaune war, konnte man schon aus dem Programm entnehmen. Früher Schumann und Chopin: Spricht das nicht als romantisches Programm für sich?

Doch ebenso wie vor einer Woche in Luzern nahm der italienische Pianist ein vorab nicht angekündigtes Stück als Beginn ins Programm, das so gar nicht in die romantische Virtuosenabteilung passt: Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke, op. 19, 1911 entstandene radikale Musik in freier Atonalität. Radikal, da gegen die Tradition komponiert. Der Hörer ist in dieser Musik mit ständiger Veränderung allein gelassen. Schön und interessant zu sehen, dass diese Musik noch immer irritiert, quer steht zu den lieben Hörgewohnheiten, "modern" ist im emphatischen Sinn des Wortes.

Pollini, der Virtuose: Die mitreißendsten Tastenspieler sind wohl immer die, bei denen bei allem Glanz die Struktur des von ihnen Vorgetragenen angeleuchtet wird. Das geht im Fall Pollinis bis zum immer benutzten Konzertinstrument, einem schlanken Fabbrini-Flügel.

In Pollinis Spiel klingt an, was Schumann als Motto zu seiner Fantasie in C-Dur fügte, Friedrich Schlegels "Durch alle Töne tönet im bunten Erdentraum ein leiser Ton, gezogen für den, der heimlich lauschet". Es ist nicht das "große" Denken, das Pollini von anderen unterscheidet, sondern die Sensibilität, durch die sich bei ihm das Analytische mit dem Poetischen verbindet.

Das gilt vielleicht noch mehr für die Musik Chopins, die den zweiten Teil des Programms (und die Zugaben) füllte, die Balladen Nr. 3 und 4, die zwei Nocturnes, op. 27, und das Scherzo Nr. 1, in dessen Trio sogar ein Weihnachtslied Platz fand.

Die Balance zwischen Tages- und Nachtseiten der romantischen Psyche - kaum einer wusste sie nachzuzeichnen wie Chopin. Und Pollini erweist sich als sein kongenial getreuer Nachschöpfer. Auch beim Hören der zwei Balladen ist es nicht wichtig, ob Chopin Gedichte des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz als Vorlage verwendet hat. Es ist pure Musik, auf die man sich da einlässt.

Quelle: SN

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