Kunst

Komponist Friedrich Cerha: "Ich schreibe, was ich muss"

Der Komponist Friedrich Cerha, Doyen der österreichischen Musikszene, wird in Salzburg wieder einmal mit einem Schwerpunkt gewürdigt. Das letzte Mal geschah das vor 20 Jahren, heuer ist Cerha 90. Jubiläen sieht er gelassen.

Friedrich Cerha, 1926 in Wien geboren, zählt zu den bedeutendsten Komponisten Europas. Weltweite Aufmerksamkeit erregte seine Vollendung von Alban Bergs "Lulu" 1979. Sein Werkverzeichnis umfasst rund 130 Stücke, darunter die Opern "Baal", und "Der Riese von Steinfeld".

SN: 1996 gab es bei den Salzburger Festspielen das "Projekt F. Cerha", und heuer, zum 90. Geburtstag, widmet man Ihnen wieder einen Schwerpunkt. Müssen Komponisten immer auf ein Jubiläum warten?

Friedrich Cerha: Na ja, ich trage ja zu den Jubiläen nichts bei. Als Komponist lässt man ja mit sich geschehen. Oder man ist angewiesen, es mit sich geschehen zu lassen.

SN: 1970 war Ihr Einstand hier als Komponist, und das gleich mit "Spiegel", also einem Zentralwerk bis heute.

Ich habe ja schon ab Ende der 60er Jahre mit der "Reihe" praktisch jedes Jahr in Salzburg ein Konzert gemacht. Natürlich, das mit dem "Spiegel", das war überraschend. Aber seltsamerweise gab es ja in Wien Anfang der 60er Jahre ein sehr kritisches Verhalten mir gegenüber als Komponist. Und seltsamerweise gab es im angeblich so konventionellen und konservativen Salzburg nie Schwierigkeiten. Auch die "Spiegel" wurden relativ gut aufgenommen. Später habe ich dann mit dem Ensemble Modern und dem Klangforum Konzerte gehabt.

Und natürlich erinnere ich mich gerne an die Uraufführung des "Baal". Das war so etwas wie ein österreichisches Wunder. Das ist sozusagen von selber gelaufen. Ich habe damals nur kurz an Egon Seefehlner (Direktor Wiener Staatsoper, Anm.) und den Festspielpräsidenten Josef Kaut geschrieben, dass ich demnächst den "Baal" fertigstellen werde. Innerhalb einer Woche ist von beiden Seiten gekommen, sie wären sehr interessiert.

SN: "Baal" war 1981. Ist Salzburg ein gutes Pflaster für Opernuraufführungen? Manche sind einfach verschwunden, andere machen ihren Weg. Wie ging es mit "Baal" weiter?

Der "Baal" ist innerhalb von wenigen Jahren über sieben Bühnen gegangen - und dann war das plötzlich zu Ende. Ich habe wiederholt meinen Wunsch deponiert, den "Baal" wiederaufzunehmen, aber das ist bisher nicht gelungen. Es gibt Interesse, aber Aufführungen sind nicht zustande gekommen.

SN: 2013 brachten Martin Grubinger und sein Percussionsensemble "Etoile" zur Uraufführung. Furchtbar schwierig zu spielen. Kann das jemand anderer als Martin Grubinger überhaupt spielen?

Ja, ein spanischer Schlagzeuger hat das in Madrid sehr schön gespielt. Da gab es eine ganze Woche mit meinen Werken. Und vor wenigen Monaten war in Berlin eine Aufführung mit einem jungen Berliner Schlagzeuger. Da war ich aber nicht dabei.

SN: Wenn Sie während einer Komposition vor der Entscheidung stehen, es sehr schwierig oder doch leichter zu notieren, was wählen Sie da?

Da gibt es keinen Vorsatz. Ich schreibe, was ich muss! Und was ich höre. So schreibe ich auch ganz selten über Aufträge. Die meisten Anfragen bezüglich Aufträgen lehne ich ab. Weil ich im Moment keine Musik dafür im Kopf habe.

SN: Es gibt Komponisten, die arbeiten nur auf Auftrag, andere schreiben für sich. Gibt es Anlässe oder Einflüsse, dass Sie aus sich heraus komponieren (müssen)?

Alle Kompositionen entstehen aus mir heraus.

SN: Etwa auch, wenn Sie das Weltgeschehen bedrängt?

Ich halte nicht viel von der so genannten "engagierten" Musik. Ich habe ein einziges Mal zur politischen Lage Stellung genommen, das war am Höhepunkt des Kalten Krieges, wo die atomare Auseinandersetzung gedroht hat. Das war ein radiophones Stück "und du . . .".

SN: Was blieb von Salzburg besonders im Gedächtnis?

Sehr gerne, muss ich sagen, erinnere ich mich an Salzburg 1983. Da haben wir mit der Unterstützung von Hans Landesmann ein Webern-Fest gemacht. Das war der 100. Geburtstag von Anton Webern, das war sehr schön. Ich war sehr gerührt, als jenseits der Staatsbrücke über die ganze Straße ein Stofftransparent gespannt war "100 Jahre Anton Webern".

SN: Zum aktuellen Schwerpunkt?

Worauf ich mich freue jetzt, sind diese zwei Veranstaltungen am 7. und 8. August in der Sommerakademie Mozarteum. Besonders am 8., da gibt es ein reines Cerha-Programm.

SN: Die Sommerakademie macht auch ein Symposion.

Auf das freue ich mich weniger. Ich rede nicht gerne und lasse lieber die anderen reden.

SN: Waren Sie in die Werkauswahl eingebunden oder überließen Sie das den Künstlern? Wie wählt man aus ca. 130 Werken?

Ich habe da wenig Einfluss gehabt. Aber ich akzeptiere diese Auswahl durchaus und ich freue mich auf die Aufführung von "Les Adieux" in der Kollegienkirche. Obwohl: ob das sehr leise Stück in der Kollegienkirche gut hörbar kommt? Ich bin neugierig.

SN: Warum erwähnen Sie "Les Adieux" (Elegie, 2005)?

Ja, das ist ein wichtiges Stück in meiner Entwicklung. Wieder einmal der Versuch eines Neuanfanges - was immer bedeutet, dass man Gewohntes ablegen muss oder will, was nie ganz gelingt. So wie im Leben.

SN: Eine Uraufführung gibt es auch, "Eine blassblaue Vision".

Das ist mein letztes Orchesterstück. Ich wurde gefragt und dann habe ich das vorgeschlagen. Es ist vor zwei Jahren entstanden.

SN: Sie sind derzeit zugange bei Proben mit dem Klangforum Wien. Machen Proben Freude?

Ja, die sind aber auch belastend, weil man eine Idealvorstellung von einem Stück hat. In der Realität wird natürlich dieses Ideal nie erreicht - was ich ja von meinen jahrzehntelangen eigenen Interpretationen gut weiß.

Friedrich Cerha in Salzburg 2016: Festspiele und Sommerakademie

Kollegienkirche

Samstag, 6. August: Klangforum Wien, Leitung Sylvain Cambreling. Werke: F.Cerha, "geträumt" (2009), "Les Adieux" (2005/06). 20.30 Uhr

Felsenreitschule

Donnerstag, 11.August: Radiosinfonieorchester Wien, Leitung Cornelius Meister
Werke u. a. "Eine blassblaue Vision" (Uraufführung). 19.00 Uhr

Mozarteum Großer Saal

Freitag, 12. August: oenm, Österreichisches Ensemble für Neue Musik, Leitung und Chansonnier HK Gruber
F.Cerha: Quellen (1992), 1. Keintate (1983-85). 19.30 Uhr.

Sommerakademie Mozarteum:

Porträtkonzert, Solitär, Montag, 8. August: Klangforum Wien. F.Cerha: "Deux èclats en reflexion", 2. Streichquartett, Neun Bagatellen für Streichtrio, Drei Stücke für Violoncello und Klavier, Acht Sätze nach Hölderlin. 20.00 Uhr.

Symposion: Vorträge, Musikbeispiele und Film; Hörsaal, Mirabellplatz 1, 13.00 Uhr.

Quelle: SN

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