Kunst

Kultur im Dienste des Friedens in San Sebastian

30 Künstler aus den unterschiedlichsten Ecken Europas versammeln sich seit Mittwoch in der diesjährigen EU-Kulturhauptstadt San Sebastian, um gemeinsam elf Kunst- und Kulturprojekte ins Leben zu rufen. Wie das gesamte EU-Kulturhauptstadtjahr steht auch das Programm "Corners of Europe" unter dem Motto "Kultur für ein besseres Zusammenleben".

Kultur im Dienste des Friedens in San Sebastian SN/APA (Archiv/AFP)/ANDER GILLENEA
Künstler treten für ein besseres Zusammenleben ein.

Eigentlich wählte man das Leitmotiv aus einem sehr regionalen Grund. 40 Jahre lang kämpfte die Terrororganisation ETA mit brutaler Gewalt für die Unabhängigkeit des spanischen Baskenlandes. Vor fünf Jahren legte ETA die Waffen nieder. Doch die Wunden des Terrors sind noch längst nicht verheilt, die Gesellschaft ist tief gespalten.

"Aber auch in anderen europäischen Ländern und sogar zwischen verschiedenen Nationen gibt es immer noch Konflikte und Gräben, die wir vielleicht durch Kultur beheben können", erklärt EU-Kulturhauptstadtdirektor Pablo Berastegui im APA-Gespräch den transeuropäischen Charakter von "Corners of Europe". "Es geht um transnationalen Dialog, Austausch, den anderen kennenlernen, verstehen lernen", beschreibt Berastegui das Programm.

So wurden bewusst Künstler verschiedenster Nationalitäten und Disziplinen mit einem Projekt beauftragt, das sie zudem teils gemeinsam mit den Bürgern der nordspanischen Küstenstadt umsetzen müssen. "In between", ein Mix aus Videokunst, Installation, Fotografie und Performance, ist eine Art "Beobachtungsstation", mit welcher nicht nur die Künstler aus fünf verschiedenen europäischen Länder die Einwohner des Stadtviertels Amara beobachten können, sondern diese auch die Künstler.

Drei Wochen lang tauschten die schwedische Künstlerin Ida Hansson und die kroatische Künstlerin Milijana Babic ihr Leben aus. Das Projekt "Put yourself in my place" zeigt in Videos und Fotos nicht nur wie ähnlich das Leben in so verschiedenen Ländern wie Schweden und Kroatien sein kann, "sondern lädt auch zu einem neuen Blick auf das ein, was uns umgibt", erklärt Pablo Berastegui. Kroatische Musiker arbeiten gemeinsam mit bulgarischen Theatermachern und nordirischen Performancekünstlern an multidisziplinären Kulturprojekten.

Doch laufen derzeit auch andere interessante Projekte im Rahmen des EU-Kulturhauptstadtjahres, die "Frieden", "Dialog" und "Zusammenleben" zum Mittelpunkt haben. Zwischen den beiden Fluss-Brücken Maria Cristina und Mundaiz animiert eine "Friedensmeile" auf 1609 Metern mit Fotografien, Installationen und Aufführungen über Frieden, Krieg, Gewalt und bewaffnete Konflikte nachzudenken. Es geht um Menschenrechte, soziale Ungerechtigkeit. Vor allem aber soll die Freilichtausstellung die Besucher anspornen, sich mehr für das friedliche Zusammenleben zu engagieren. Bewusst wurde die Ausstellung als eine Art Außenparcours am Urumea-Fluss angelegt. Der Fluss gilt als Symbol der Trennung, während die Brücken wiederum zusammenführen.

Zusammenführen soll auch das eigens für das EU-Kulturhauptstadtjahr errichtete "Möbius"-Gebäude. Es handelt sich um eine Art interreligiöses Zentrum, um den religiösen Austausch zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen zu fördern. "Das ist in Zeiten, in denen vor allem auch religiöse Motive immer häufiger zu Konflikten führen, wichtiger denn je", erklärt Arrate Velasco, Projektleiterin des Programms "Baitara Baita".

In dem Holzgebäude finden interreligiöse Konferenzen zum Kennenlernen statt. Es werden gemeinsame Rituale verschiedenster Glaubensrichtungen gefeiert. Doch auch der Dialog und Kontakt zwischen Vertretern der verschiedenen Glaubensgemeinschaften und den Stadtverantwortlichen wird hier gefördert, um die soziale Integration und Akzeptanz zu verbessern.

Ein Höhepunkt im Veranstaltungskalender des diesjährigen EU-Kulturhauptstadtprogramms ist auch die derzeit laufende Ausstellung "1516-2016. Friedensverträge" im San Telmo Museum. Gezeigt werden fast tausend Werke von Goya und Rubens über Picasso und Le Corbusier bis hin zu Sophie Ristelhuebers Fotografien und Yoko Onos "Imagine Peace"-Installationen. Sie zeigen, wie Künstler in den vergangenen 500 Jahren Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung, aber auch Unterjochung, Tod und Gewalt dargestellt haben.

Lösungsvorschläge, wie sich die baskische Gesellschaft versöhnen kann, darf man von den Werken nicht erwarten. Nicht einmal von Picassos "Hand mit kaputtem Schwert", einer Vorzeichnung zu seinem weltberühmten Anti-Kriegs-Gemälde "Guernica". "Ich habe allerdings die Hoffnung, die Ausstellung animiert die Basken dazu, endlich darüber zu sprechen oder zumindest laut nachzudenken, was passiert ist. Bis heute herrscht über das Thema ein gefährliches Schweigen, das die Heilung der Wunden verhindert", meint Kurator Pedro Romero im APA-Gespräch.

Ob es nun die ausgestellten Werke Zurbarans sind oder Zeichnungen anonymer KZ-Häftlinge, die in Auschwitz malerisch vom "Frieden" träumten. "Kunst kann zum Gespräch und Dialog bewegen", ist sich Romero sicher. Vor allem, wenn Besucher einer historischer Konstanten in der Schau gewahr werden: "Der Frieden des einen findet fast immer auf Kosten eines anderen statt", erklärt Romero und weist damit auch auf das heutige "Europa des Friedens" hin, das sich vor Menschen verschließt, die vor Krieg und Gewalt im Nahen Osten fliehen.

Quelle: APA

Aufgerufen am 19.09.2018 um 11:04 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/kultur-im-dienste-des-friedens-in-san-sebastian-1024552

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