Kunst

Leonard Cohen: Aus der Wärme letzter Songs strömt Seelenheil

Vieles klingt nach Abschied auf Leonard Cohens neuem Album "You Want It Darker". Aber was soll "Abschied" schon heißen?

Leonard Cohen: Aus der Wärme letzter Songs strömt Seelenheil SN/sony music
Leonard Cohen auf dem Cover seines neuen Albums „You Want It Darker“ (Sony Music).

Wohl zum letzten Mal erzähle er die alten, ewigen Geschichten von der Liebe, war über Leonard Cohen zu lesen. Auf den Tag genau vor zwölf Jahren prägten an dieser Stelle Überlegungen zum Abschied von einem großen Poeten die Geschichte über Cohens Album "Dear Heather". Eine erfreuliche Fehleinschätzung. Seit Tagen nämlich läuft "You Want It Darker", das neue Werk des kanadischen Song-Poeten, in Dauerschleife.

Nicht einmal der Schlaf unterbricht das Cohen-Studium. Im Schlaf nämlich taucht er auf als gelassener Weiser, der durch seine Poetisierung die Welt zu einem besseren Platz werden lässt.

Vor zwölf Jahren sprach viel dafür, "Dear Heather" als Ende einer 1967 begonnenen, überragenden Karriere als singender Poet zu deuten. Nach dem Album hatte auch acht Jahre Stille geherrscht. Dann kamen in schneller Folge die Alben "Old Ideas" (2012) und "Popular Problems" (2014) heraus. Cohen tourte ausgiebig. Seine Konzerte glichen Messen, waren einer Heiligsprechung, vermeintlich letzte huldvolle Salbungen des Poeten der Popmusik - immerhin war Cohen da schon knapp 80. Seit September ist er 82 - und welch ein Glück ist es, dass er nicht aufhören will (oder kann), ins lyrische Zwiegespräch zu treten mit dem Lord, mit der Liebe und den Liebenden.

"I'm leaving the table, I'm out of the game"

Wieder spricht vieles dafür, sich hinaus zu lehnen ins Ungewisse des Lebens und über nahes Ende, Abschied und letzte Lieder zu sinnieren. Die Produktion von "You Want It Darker" war geprägt von gesundheitlichen Problemen. Und sagte Cohen vor wenigen Tage nicht auch, er sei bereit zum Sterben? Schnell korrigierte er den Satz. Er neige zur Selbstdramatisierung und wolle durchaus 120 werden, sagte er. Dennoch werden die neuen Songs umweht von einer spätherbstlichen Stimmung. "I'm leaving the table, I'm out of the game", singt er.

Cohen, dessen Stimme rauer und unmittelbarer klingt, als sie es ohnehin immer schon tat, ist noch nicht fertig. Wieder schöpft er im Spirituellen, bei seinem Zweifel an der Liebe und seiner bedingungslosen Hingabe an sie. Dafür baut er biblische Bilderwelten. Vor Jahren schon war er verlorener Sohn, Heiler, Sünder oder auch Prophet des Untergangs, wie damals als er unversöhnlich wie Hiob formulierte: "I've seen the future, brother: it is murder." Eine Zukunft, die uns sicher umbringt? Feststeht: Für einen 82-Jährigen ist der Weg nach vorn kürzer, als die lange Straße, auf die er zurückblicken kann.

Cohen als Abraham, der zweifelt, aber seinen Frieden macht

Auf "You Want It Darker" begegnet Cohen uns nun als eine Art Abraham, der zweifelt, aber dennoch seinen Frieden macht. "Hineni, hineni", singt er unterstützt von engelsgleichen Frauenstimmen. Hebräisch ist das und bedeutet in etwa "Hier bin ich". Es war jenes Wort, das laut Altem Testament Abraham sagte, als er seinen Sohn opfern sollte. "I'm ready my Lord", fügt Cohen hinzu. Dass man ihm das glaubt, liegt an der versöhnlichen Grundhaltung dieser Songs. "I was fighting with temptation, but I didn't want to win", heißt es an einer Stelle. Er erkennt die Ausweglosigkeit und weiß gleichzeitig, dass es keinen Grund gibt zu resignieren.

Alles auf diesem Album strahlt Wärme, betörenden Sanftmut aus - so als setzte sich der alte Mann noch einmal an den Küchentisch, um dort ohne Wehleidigkeit die letzten großen Dinge zu besprechen. Dass das alles berührend unter die Haut geht, liegt auch an sparsamer Instrumentierung. Aus weiter Ferne dringen Orgeln. Country-Gitarren gibt es. Streicher bereiten dem Gesang, dessen Verse stets ohne Wortverschwendung auskommen, einen schier sakralen Rückzugsraum. Es gelingt ähnliches wie einst, als der alternde Johnny Cash die "American Recordings" aufnahm.

Über allem schwebt ein Ende, dem sich Cohen ohne Wehleidigkeit in Gnade und Dankbarkeit mönchsgleich ausliefert. Da schadet es nicht, sich in eindringlichen Versen das Herz rein zu singen.

Daher lässt Cohen bei allen Abschiedsgedanken niemals Bitternis oder Traurigkeit aufkommen. Stattdessen schenken diese Songs Gewissheit: Solch große, alles umarmende Kunst wie die von Leonard Cohen kann für jene, die reinen Herzens sind, immer und immer weiterleben. Wer Cohen hört, wer sich mit ihm fallen lässt, wird nach dem letzten Akkord ein weiserer, ruhigerer, ja ein besserer Mensch sein.

ALBUM: Leonard Cohen "You Want It Darker" (Sony Music)

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