Kunst

Lust am Wahnsinn - "Pension Schöller" in der Burg

"Ich will Publikum nicht belehren, sondern anregen und ködern", meinte Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann damals bei der Spielplanpressekonferenz, als sie eine Inszenierung des Schwanks "Pension Schöller" durch Andreas Kriegenburg ankündigte. Am Samstag feierte das 1890 uraufgeführte Stück nun seine Premiere am Burgtheater. Angeregt zeigte sich vor allem das Ensemble rund um Roland Koch.

Lust am Wahnsinn - "Pension Schöller" in der Burg SN/APA/ROLAND SCHLAGER

Kriegenburg nimmt den vielfach verfilmten und auf zahlreichen Bühnen abgespulten Stoff rund um den gelangweilten Gutsbesitzer Philipp Klapproth, der einmal eine echte Irrenanstalt von innen sehen möchte und von seinem Neffen in eine ganz normale Pension geführt wird, als Basis für eine Elaboration über das Genre des Schwanks im Speziellen, das Theater im Weiteren und das Künstlertum im Allgemeinen. Dabei ist ihm - auch dank der hervorragenden Besetzung - ein mit dreieinhalb Stunden etwas zu langer, aber unterhaltsamer Abend gelungen, der das geköderte Publikum tatsächlich anregen könnte. Nämlich zum Nachdenken, was am (Burg)theater sein darf und was nicht. Und am Ende kommt man zum Schluss: Auch "Pension Schöller" darf sein, wenn sie so daherkommt wie hier.

Kriegenburg setzt dabei auf Aufwertung der Charaktere über die Handlung hinaus. Vor der im Grunde immer gleich bleibenden Kulisse von fünf schwenkbaren Buchstaben, die das englische Wort "Smile" bilden und in ihrer Backstein-Anmutung als Gebäude dienen (Bühne: Harald B. Thor), begrüßt der Zahlkellner Jean als eine Art Conferencier das Publikum. Sabine Haupt lässt dabei ihren stark Berlinernden Kellner über die Kulturtouristen herziehen, die sich nach Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor nun auch ein wenig Kultur gönnen wollen. Dass diese Kultur auch etwas mit Bananen zu tun hat, nämlich mit Bananenschalen, auf denen in diesem Stück ausgerutscht werden soll, findet Jean sichtlich blöd, verteilt sie dann aber trotzdem auf der Bühne. Die Bananenschale gehört nun mal dazu, was soll man machen.

Zu Marlene Dietrichs "Ich hab noch 'nen Koffer in Berlin" ziehen dann die Protagonisten der "Pension Schöller" in ein Berliner Kaffeehaus ein und der ganz normale Wahnsinn beginnt. Da ist Ulrike Sprosser, die Schwester des Gutsbesitzers, die bei Kriegenburg Schnaps trinkt statt Heißer Schokolade und ihren Töchtern verbietet, einen Berliner Obdachlosen quasi als Haustier mit auf das Gut zu nehmen. Nach und nach wird jenes Personal vorgestellt, das später die "Pension Schöller" bevölkert. Da ist die exaltierte Schriftstellerin Josephine Krüger, der eine wunderbare Christiane von Poelnitz Exotik wie Wahnsinn einhaucht; da stapft der Weltreisende Fritz Bernhardy ins Lokal, dem Michael Masula eine ordentliche Portion Größenwahn verleiht; und schließlich Klapproths Neffe Alfred (Tino Hillebrand), der Geld für seine Geschäftsidee braucht und sich dem Onkel andient und ihn schließlich gemeinsam mit seinem Malerfreund Ernst Kissling (Martin Vischer) in die "Pension Schöller" lockt.

So sehr Kriegenburg das Ensemble hier als bloße Figuren einführt, so sehr dürfen sie sich in den kommenden dreieinhalb Stunden zu Persönlichkeiten entfalten. Roland Koch stolpert als selbst ziemlich abgedrehter Großbürger durch eine Welt, die sich ihm als Irrenhaus darstellt. Mit glühender Hingabe tischt er der Schriftstellerin seine gefakte Lebensgeschichte auf, mit großem körperlichen Einsatz unterzieht er sich einer rituellen Waschung, um als idealer Reisepartner für Bernhardy zu genügen. Und schließlich widmet er sich hingebungsvoll dem angehenden Schauspieler Eugen Rümpel, dem sein Onkel Schöller aufgrund seines Sprachfehlers verboten hat, in dessen Haus zu deklamieren. In dieser Rolle geht Max Simonischek in seinem ersten Auftritt auf der großen Bühne des Burgtheaters vollkommen auf. Kriegenburg gibt ihm viel Raum, Roland Koch ist ihm ein treuer Sparringspartner, wenn es um das aussichtslose Unterfangen geht, endlich einmal ein "L" aussprechen zu können, um "Schinners Gnocke" standesgemäß unters Volk bringen zu können.

Koch selbst gibt sich dem Wahnsinn hin, philosophiert über die Mühen der Authentizität am Theater und zeigt immer wieder: Hier wird gespielt, die "Pension Schöller" wird euch hier vorgespielt, und das ist nicht immer ganz leicht. Der viele Zusatztext, den Kriegenburg im Laufe des Abends eingewoben hat, scheut auch aktuelle Bezüge nicht, die für den Nationalfeiertag vorbereiteten Panzer neben dem Burgtheater werden ebenso eingeflochten wie Donald Trumps sexistischer Sager "Grab them by the Pussy". Wortspiele sind Programm, der große Schauspieler "Knaus Maria" (sic) bekommt ebenso sein fett weg wie die heimische Nobelpreisträgerin, wenn es über Josephine Krüger heißt: "Diese Schriftstellerin hat eindeutig ein Leck, ja ein richtiges Jelinek".

Rundherum gibt es allerlei zu sehen: Junge Mädchen auf LSD oder in Kampfmontur mit Maschinengewehren (Klapproths Nichten Ida und Franziska), Roland Koch im Neglige oder akrobatische Rückwärtstrollen über Sofas (von Poelnitz). Die Lust am Wahnsinn, der Spaß am Spielen steckt in jeder Faser dieses Abends, der die "Pension Schöller" einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Der Schlussapplaus fiel herzlich, aber etwas kurz aus, was wohl nicht enttäuschten Erwartungen, sondern vielleicht der fortgeschrittenen Stunde geschuldet sein mochte.

(S E R V I C E - "Pension Schöller" von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby im Burgtheater. Regie: Andreas Kriegenburg. Mit u.a.Roland Koch, Michael Masula, Christiane von Poelnitz, Max Simonischek und Sabine Haupt. Bühne: Harald B. Thor, Kostüme: Andrea Schraad. Weitere Termine: 25. und 30. Oktober, 6., 8. und 21. November, 3. und 31. Dezember. Karten und Infos unter www.burgtheater.at oder Tel. (01) 513 513)

Quelle: APA

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