Kunst

"Mikro und Sprit": Erfinderisch durch den französischen Sommer flitzen

Dem Kinotüftler Michel Gondry ist ein Wurf gelungen - mit einem wunderbaren Jugendfilm voll fantastischer Details.

Wattewölkchen, Meereswogen aus Zellophan, Legosteintricks und Pappendeckelträume: Der Franzose Michel Gondry, Oscarpreisträger für "Vergiss mein nicht" ist ein Bastler und ein versponnener Querkopf, der wie aus der Zeit gefallen wirkt. Genauer gesagt aus jener Zeit, in der noch jeder Katastrophenfilm mit kleinen abgefackelten Modellhäuschen und hineinkopierten Menschlein arbeitete, das, was heute begabte Computeranimationskünstlerinnen und -künstler erledigen. Gondrys Faible für das Greifbare wirkt ein wenig von gestern, doch genau daraus entsteht der verschrobene Charme seiner Filme. Am Freitag kommt nun "Mikro und Sprit" ins Kino, ein verspielter Bubenfilm, und seit Jahren die erste von Gondrys Arbeiten, die es nach Österreich ins Kino schafft.

Nach Erfolgen als Musikvideoregisseur für Björk, Kylie Minogue, Daft Punk und die White Stripes hatte Gondrys erster amerikanischer Film "Vergiss mein nicht" mit Kate Winslet und Jim Carrey - eine bittersüße Liebesgeschichte um zwei Menschen, die ihr Gedächtnis löschen lassen, weil die Erinnerung an die Beziehung zu schmerzhaft ist - 2004 eingeschlagen wie eine Bombe, Der französische Nachfolgefilm "The Science of Sleep" (2006) war dann schon wieder zu originell fürs große Publikum, doch Hollywood war bereit, es weiter mit dem schrägen Franzosen zu versuchen, 2011 gar mit der teuren Comicverfilmung "The Green Hornet" mit Cameron Diaz und Seth Rogen.

Doch im Korsett der Studioanforderungen funktioniert das freie Wuchern von Gondrys Fantasie nicht. Erst jetzt, nach seiner Rückkehr nach Frankreich, gelingt das wieder: "Mikro und Sprit" handelt von zwei Buben, die mit 13 in einem Alter sind, in dem noch alles denkbar scheint, und die begnadete Bastler sind. Die beiden schmieden einen unerhörten Plan: Sie wollen ein Auto bauen, und damit im Sommer quer durch Frankreich fahren. Und damit sie als minderjährige Fahrzeuglenker nicht entdeckt werden, wird das Auto eben aussehen wie ein Gartenhäuschen. Das klingt vielleicht ein wenig zu niedlich, doch wie immer in Gondrys noch fantastischsten Unterfangen kommt die Realität vor - etwa wenn das Gefährt der beiden abgefackelt wird, weil sie neben einem Romacamp geparkt hatten, das von Rassisten zerstört wurde.

"Mikro und Sprit" spielt in der echten Welt von 13-jährigen, die sich vor den wesentlichen Lebensfragen noch nicht drücken, und Dinge einfach ausprobieren, die probiert werden müssen. Und das ist für große Zuschauer ebenso anregend wie für kleine.

Film: Mikro und Sprit. Frankreich 2015. Regie: Michel Gondry. Mit Ange Dargent, Théophile Baquet, Audrey Tautou. Start: 24.6.

(SN)

Aufgerufen am 23.06.2018 um 02:11 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/mikro-und-sprit-erfinderisch-durch-den-franzoesischen-sommer-flitzen-1323487

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