Kunst

Mönch, Kurtisane, Tempelritter

Oper im Konzert: Raritäten können den Blick auf Repertoire und Geschichte lehrreich erweitern.

Mönch, Kurtisane, Tempelritter SN/APA (Gindl)/BARBARA GINDL
„Ich gehe auf die Bühne und will mein Bestes geben“, sagt Anna Netrebko.

Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, Opernaufführungen konzertant anzusetzen. Wenn die musikalische Substanz über die szenischen Vorlagen und Möglichkeiten, Dramaturgie und aktuelle Darstellbarkeit die Oberhand hat, ist eine Aufführung ohne Regie, Bühnenbild und Kostüme ein probates Mittel, Vergessenes kennenzulernen. Weniger triftig ist indessen der Grund, Oper besser nur zu "hören", weil viele Opernfreunde eventuelles "Regietheater" problematisch finden oder ablehnen.

Ein zusätzliches Argument ist aber auch nicht selten, konzertante Opern als Vehikel für Starauftritte zu nutzen. Das gilt - und damit sind wir bei den Salzburger Festspielen 2016 - auch für durchaus repertoire-
erprobte Stücke wie Puccinis "Manon Lescaut", das sich bestens spielen und szenisch interpretieren lässt, hier aber Gelegenheit gibt, in einem "szenefreien" Sommer ein Erscheinen der Primadonna assoluta unserer Tage, Anna Netrebko, zu ermöglichen. Wetten, dass am 1., 4. und 7. August der "Promi-Faktor" im Publikum auf Rekordhöhen schnellen wird?

Nicht nur prominent, sondern geradezu legendär ist eine zweite konzertante Opernproduktion ausgestattet: Plácido Domingo, unersättlich in seiner (Neu-)Gier auf immer noch mehr und andere Rollen, wird in Jules Massenets "Thaïs" den Mönch Athanaël singen, der die Kurtisane Thaïs (Sonya Yoncheva, eine Siegerin aus Domingos Sängernachwuchs-Wettbewerb) bekehren und "von den Fesseln des Fleisches befreien" will. In der schwülen Fin-de-siècle-Stimmung des Entstehungsjahres 1894 aber ist auch der Mönch nicht frei von menschlich-erotischen Gelüsten. Wie auch immer: Das Stück einmal zur Gänze zu hören und nicht auf die wunschkonzerttaugliche, violin-
melodienverzückte "Méditation" zu verkürzen, ist durchaus reizvoll.

Eine veritable Rarität aber ist die dritte "Konzertante" im Bunde: "Il templario" von Otto Nicolai. Man kennt den Namen des Komponisten als Schöpfer der komischen Oper "Die lustigen Weiber von Windsor", auch wenn das Genre der deutschen "Spieloper" heute nicht mehr hoch im Kurs steht. Und historisch genauer informierte Musikfreunde bringen Nicolai in Verbindung mit der Gründung der Wiener Philharmoniker.

Diese - und das ist nun auch der Schlüssel zur Salzburger Aufführung eben mit den Wiener Philharmonikern - erfolgte 1841, als Otto Nicolai, durch Intrige und Misserfolg seiner Oper "Il proscritto" aus Mailand hinausgeekelt, ein Angebot angenommen hatte, ans Wiener Kärntnertortheater zu gehen.

"Il templario", ein Opernschlager seiner Zeit, machte auch in Wien Furore, und Otto Nicolai profilierte sich als hervorragender Dirigent mit höchsten Ambitionen. So gehörte er zu den Ersten, die eine Gesamtaufführung aller Beethoven-Symphonien mit dem Hofopernorchester ansetzten. Um das Projekt außerhalb der Operndienste
zu bewerkstelligen, gründete er deswegen einen Orchesterverein, der bis heute den Namen "Wiener Philharmoniker" trägt.

Die Geschichte um den Tempelritter Briano basiert auf dem Roman "Ivanhoe" von Walter Scott, also jener Schauerromantik, der vor allem die Belcanto-Oper eines Bellini oder Donizetti viele Stoffe verdankt. Sie macht auch bewusst, wie sehr schon damals die Musikwelt "vernetzt" war. Der 1810 in Königsberg geborene Nicolai brach nach Italien auf, um im Petersdom eine Organistenstelle anzunehmen und "alte" Musik zu studieren, verfiel aber den Reizen der italienischen Oper. Obwohl diese in der Wertung nicht mehr hoch im Kurs stand, schrieb er fünf italienische Opern, wobei nur "Il templario" zwischen 1840 und 1879 zum europäischen Erfolg avancierte.
Es ist origineller Belcanto und damit ideal für virtuose Stimmartisten wie Juan Diego Flórez und Debütantin Clémentine Margaine, die sich in Salzburg die Ehre geben.



Aufgerufen am 21.06.2018 um 08:04 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/moench-kurtisane-tempelritter-1231558

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