Kunst

Mozart lockt die Talente

Hundert Jahre Sommerakademie. Die Universität Mozarteum ist Gastgeber für die weltweit ältesten Musik-Meisterkurse.

Mozart lockt die Talente SN/mozarteum/gruber
„Ein Wunsch für die Zukunft wäre ein eigenes Akademie-Orchester“, sagt Akademieleiter Wolfgang Holzmair.

Zwölf Jahre lang, von 1916 bis ein Jahr vor ihrem Tod im Jahr 1929, hatte sie in Eigenregie Sommerkurse über Mozartgesang angeboten. Lilli Lehmann setzte damit einen weiteren Stein in die Krone ihrer Verdienste um Salzburg, wo sich die legendäre Wiener Sopranistin schon um die Mozartfeste und um den Ankauf von Mozarts Geburtshaus verdient gemacht hatte. Mit ihren aus Sorge um einen adäquaten Mozartstil ins Leben gerufenen Kursen hatte sie zugleich eine Institution begründet, die heuer auf 100 Jahre fast durchgehendes Bestehen blicken kann: die Internationale Sommerakademie des Mozarteums. Vier Jahre vor den ersten Salzburger Festspielen war damit das Augenmerk auf jene Person gerichtet, um derentwillen bis heute Millionen Touristen und Gäste nach Salzburg kommen: Mozart.

Schon damals war die Strahlkraft dieses Namens so bedeutend, dass der US-Amerikaner Julian Freedman, ebenfalls aus eigenem Antrieb und auf eigenes finanzielles Risiko, der Internationalen Stiftung Mozarteum vorschlug, nach dem Tode Lilli Lehmanns die sommerlichen Fortbildungsaktivitäten zu einer "Salzburg Orchestral Academy" auszubauen. Freedmans Idee von freien, inhaltlich voneinander unabhängigen Lehrveranstaltungen verschiedener Fachrichtungen wurde auf musikdramatische Darstellung, Klavier und Komposition erweitert und damals von Bernhard Paumgartner und dem 21-jährigen, schon in Aachen tätigen Herbert von Karajan unterstützt. Das organisatorische Dach bildete zunächst die Stiftung Mozarteum, alsbald aber das Konservatorium, aus dem die spätere Akademie und noch später die Hochschule für Musik und darstellende Kunst, heute Universität Mozarteum, hervorgingen. Die internationale, weltoffene Ausrichtung war also der Kerngedanke dieser heute wohl ältesten "Sommerakademie". Bittere Ironie der (Gründungs-)Geschichte: Anfang der 1930er-Jahre wurde Julian Freedman als "lästiger Ausländer" sogar des Landes verwiesen.

Längstens mit der Wiederbegründung der schon vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgreichen Sommerkurse durch Bernhard Paumgartner 1947 erhielt die "neue" Internationale Sommerakademie gesamtkulturelles Gewicht. Die Größen des jeweiligen Fachs - im Kern Klavier, Geige, Gesang, Dirigieren - gaben sich die Ehre, wobei stets auch die Bereiche Komposition (mithin also das neue, aktuelle Musikschaffen), anfangs auch Tanz und Schauspiel und theoretische und ästhetische Debatten (etwa über "Das neue Musiktheater", Mozartinterpretation, Musikpädagogik oder Musikkritik) die Blicke weit über die Kernbereiche der "Kunst" oder das obligate Meisterklassen-Denken hinaus öffneten. Auch Sprachkurse waren immer wieder Teil der Kursangebote sowie fachliche Instruktionen zu Körper- und Atemtechniken. Sogar Yoga findet sich jetzt im Programmangebot.

War die Salzburger Sommerakademie für Musik - es gilt sie zu unterscheiden von der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst, die als Gründung von Oskar Kokoschka und dem Galeristen Friedrich Welz ebenfalls bis heute Bestand hat - quasi naturgegeben jahrzehntelang als Einrichtung der Akademie resp. der Hochschule von den jeweils leitenden Präsidenten oder Rektoren geführt worden, fand 1983 ein Wechsel statt. Der Komponist und Opernintendant von Hamburg und Paris, Rolf Liebermann, übernahm als erste Person von außerhalb der Institution die Leitung und gab der Sommerakademie eine neue Ausrichtung: interdisziplinär und öffentlich.

Jeder aktive Hörer konnte fortan (und bis auf den heutigen Tag) in alle ihm interessant erscheinenden Kurse "schnuppern", die Türen standen intern und extern offen. Denn auch "öffentlichkeitswirksame" Programme, von Konzerten bis zu eigenen Opernaufführungen, wurden nun zu Attraktionen für ein breites Publikum; Liebermann startete mit Mozarts "Figaro" in der Regie von Peter Ustinov und unter der musikalischen Leitung von Gary Bertini, eine Produktion, die dann sogar nach Hamburg übernommen wurde. Schade, dass eine "Jazz Academy", die Größen wie Herbie Hancock oder Bobby McFerrin als Dozenten anzog, nicht länger Bestand hatte. Aber sichtbar machte sie doch, dass der Weltmann Liebermann die Scheuklappen der Klassik dezidiert ablegen wollte.

Die Nachfolger Liebermanns (Peter Lang, Paul Roczek, Alexander Müllenbach und nun Wolfgang Holzmair) kamen dann wieder aus dem Lehrkörper der Universität Mozarteum, aber das Amt war nicht mehr an den jeweiligen Rektor gebunden. Jeder Sommerakademie-Leiter hatte die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen: Peter Lang rekurrierte auf Liebermanns Öffnung und holte die Neue Musik dezidiert ins Zentrum. Allein die sieben szenischen Projekte von Karlheinz Stockhausen haben sich in die Annalen der Sommerakademie mit großen Lettern eingeschrieben. "Neue Horizonte" zwischen aktivem Musizieren und Wissensvermittlung schlossen andere Dimensionen auf. Paul Roczek setzte, in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Udo Zimmermann und der Oper Leipzig, die Opernproduktionen fort und richtete neue Meisterklassen, unter anderem für Akkordeon, Blockflöte, Saxophon, Harfe oder Zymbalon, ein. Alexander Müllenbach legte ein Hauptaugenmerk auf die Begegnung mit der Moderne und die "Faszination Musik des 20. Jahrhunderts", aber auch auf kleine Sonderwettbewerbe, wobei jener für Marimbaphon die spektakulärste Wirkung entfaltete.

Und wie geht es in die Zukunft? Der neue Akademieleiter, der Bariton Wolfgang Holzmair, kann auf Attraktives für 2016 verweisen, etwa auf den "Kompositionsgast", den 90-jährigen Friedrich Cerha, und den neuerdings ungemein produktiven Salzburger Musikpreisträger Georg Friedrich Haas, der für die Sommerakademie Mira Lobes "Das kleine Ich bin Ich" vertonte, das mit Cornelia Froboess als Erzählerin eben uraufgeführt wurde. In Zusammenarbeit mit Innsbruck Barock wird eine kleine Oper von
Pietro Antonio Cesti ins "öffentliche" Programm genommen. Die Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen, die seit Langem das Preisträgerkonzert der Besten des Jahres veranstalten, wünscht sich Holzmair in Zukunft vielleicht intensiver. Die Teilnehmerzahl von durchschnittlich 800 bis 1000 Studierenden pro Sommer, von denen 43 Prozent aus dem asiatischen Raum (Tendenz steigend mit Blick auf China), 43 Prozent aus Europa, der Rest aus dem "Rest" der Welt kommen, sollte so redimensioniert werden, dass sich die Qualität des Unterrichts besser konzentrieren kann.

Und dann ist da noch der "große" Wunsch, dass die Sommerakademie wie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein eigenes Akademieorchester aus Kursteilnehmern aufbauen kann, das regelmäßig für Dirigierkurse, aber auch für eigene "kleine Opernproduktionen" zur Verfügung stünde. Neue Impulse im Wissen um eine hundertjährige Tradition: Die Internationale Sommerakademie des Mozarteums lebt.

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