Kunst

Musik dräut am frühen Morgen

Friedrich Cerha. Zwischen Wachen und Schlafen dämmert dem Komponisten, was in der Felsenreitschule erklingen wird.

Musik dräut am frühen Morgen SN/APA/HERBERT PFARRHOFER
„Die meiste Musik kommt am Morgen zu mir – im Dämmerzustand“, sagt Komponist Friedrich Cerha.

Friedrich Cerha ist heuer in aller Munde. Er, der immer zerbrechlich Wirkende und doch so nachhaltig Wirksame, feierte im Februar seinen 90. Geburtstag. Besser gesagt: Sein Geburtstag wurde gebührend gefeiert. Das kommt daher, dass er nie einer abgezirkelten Schule angehört hat, sondern von allen gehört wurde. Das wiederum mag damit zusammenhängen, dass er einer Zeit entstammt, in der das Komponist-Werden eine noch marginalere Zufälligkeit war, als sie es ohnehin schon zu sein pflegt. Er musste von Anfang an seinen eigenen Weg finden.

So sagte er im Interview mit der Austria Presse Agentur: "Ich habe Musik gemacht, so wie ich atme - einfach selbstverständlich und ohne Ehrgeiz." Und: "Die meiste Musik kommt am Morgen zu mir - im Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen. Das ist die eigentliche Quelle meiner Musik."

Jahrgang 1926 - das bedeutet, in einer Zeit groß geworden zu sein, in der das Musische in der gesellschaftlichen Rangordnung zuunterst eingestuft war. Bis 1939, als der Zweite Weltkrieg als deutscher Aggressionskrieg begann, schien sein Leben noch einigermaßen normal zu verlaufen: Er nahm Geigenunterricht, unternahm erste Kompositionsversuche, besuchte das Realgymnasium und erhielt 1939 ersten Unterricht in Komposition und Harmonielehre.

Im Krieg war er, der unmilitaristischste Mensch, den man sich vorstellen kann, zuerst Luftwaffenhelfer. 1944 wurde er zur deutschen Wehrmacht eingezogen, schließlich im besetzten Dänemark zum Offizier ausgebildet, ehe er 1945 desertierte, sich auf einem abenteuerlichen Fußmarsch nach Tirol durchschlug und Hüttenwirt und Bergführer wurde. Im November des Jahres 1945 kehrte er nach Wien zurück und nahm sein musikalisches Leben wieder auf.

Ab 1946 studierte er an der Akademie für Musik und darstellende Kunst Geige und Komposition und war Musikpädagoge und Leiter von Schulmusikorchestern. Zugleich blieb er ein dem Neuen aufgeschlossener Komponist, der in den späten 1950er-Jahren die Darmstädter Kurse für Neue Musik besuchte, ohne je ein "Darmstädter" Serialist zu werden, der sich der Reihentechnik im strengen Sinn verschrieben hätte.

Und übers Komponieren hinaus war er - da es in Wien kaum Interesse, geschweige denn Aufführungsmöglichkeiten für zeitgenössische Musik gab - daran interessiert, dafür eine Institution ins Leben zu rufen: 1958 gründete er mit dem Wiener Komponisten und Orchestermusiker Kurt Schwertsik das Ensemble "die reihe", das heute noch existiert. Diese Verbindung zur Praxis hat auch seine Art des Komponierens - des Verständlich-Komponierens und Verständlich-bleiben-Wollens - beeinflusst.

Friedrich Cerha hat zeit seines Lebens unterschiedliche Stile angewandt, komplexe Werke wie den "Spiegel" für Großes Orchester und Tonband (komponiert 1960/61, uraufgeführt 1972) bis hin zu den einfacheren Stücken des Spätwerks und geradezu wienerischen Kompositionen geschaffen. Auch Opern befinden sich darunter, wie "Baal" (uraufgeführt bei den Salzburger Festspielen 1981), "Der Rattenfänger" (1987) und der späte "Riese vom Steinfeld" (2002).

Auf den Operngeschmack gekommen ist Friedrich Cerha durch die lange Auseinandersetzung mit Alban Bergs in den 1930er-Jahren unvollendet gebliebener "Lulu". 1962 bis 1978 stellte er den 3. Akt der Oper fertig - ohne Wissen von Alban Bergs Witwe. Die Uraufführung des integralen Werks fand einige Jahre nach dem Tod Helene Bergs 1979 in Paris statt. Dirigent war Pierre Boulez; die Regie hatte Patrice Chéreau inne.

Bei den heurigen Salzburger Festspielen wird seine Orchesterkomposition "Eine blassblaue Vision" uraufgeführt, die sich auf eine Art von wachtraumhafter musikalisch-bildlicher Frühmorgensvision bezieht, ein nebulöses Gebilde mit unklaren Konturen, das durchaus beängstigende Züge annimmt, ehe es sich wieder auflöst.

Konzerte: "Blassblaue Vision", Uraufführung, von Friedrich Cerha, 11. August, Felsenreitschule. Weitere Konzerte mit Werken Friedrich Cerhas am 6. und am 12. August.

(SN)

Aufgerufen am 20.06.2018 um 09:44 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/musik-draeut-am-fruehen-morgen-1231576

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