Kunst

Mythos Weihnachten: Was ist dazugedichtet?

Viele Darstellungen der Geburt Christi zeigen anderes, als im Evangelium steht. Was ist da hinzugedichtet? Woher kommen Ochs und Esel?

Zwei g'schaftige Engel sind herabgeflogen, um das nackte Kind wenigstens mit einem Zipfel des Mantels vor dem kalten Boden zu bewahren. Denn hier hat der Frischgeborene nicht einmal das, was ihm laut heiliger Schrift zustünde: Sie "legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz . . .". Wer diese feine Schnitzerei erblickt, würde sofort sagen: Ah, eine Krippe! Aber da fehlt jenes Stück, das der Szene den Namen gäbe. Hingegen sind in dieser Darstellung von Christi Geburt aus der Werkstatt des Meisters vom Kefermarkter Altar Ochs und Esel dabei, obwohl die im Evangelium nicht erwähnt sind.

Was basiert auf der heiligen Schrift? Was ist hinzugedichtete Legende? Was ist hinzugewonnene Erkenntnis? Warum die vielen Darstellungen vom weihnachtlichen Geschehen - von Verkündigung bis zu Lichtmess - von dem abweichen, was Lukas und Matthäus über liefert haben, ist ab heute, Mittwoch, im Nordoratorium des Salzburger Doms in der Advent- und Weihnachtsausstellung des Dom museums zu studieren.

Nicht nur die Bibel enthüllt Weihnachtsdetails

Die Kindheitsgeschichte habe die Fantasie derart angeregt, dass immer wieder Details hinzugefügt worden seien, erläutert Kurator Reinhard Gratz. Fundgruben dafür seien die Apokryphen gewesen sowie die "Legenda aurea" des Dominikaners Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhundert, das populärste Volksbuch des Mittelalters - einst mehr gelesen als die Bibel. Ebenso wichtige Quelle seien die Visionen der Birgitta von Schweden gewesen. Diese Heilige des 14. Jahrhunderts berichtete, sie habe das Kind auf dem Boden liegen gesehen.

Dieser Version ist auch Martin Schongauer gefolgt, dessen Stich "Geburt Christi" von etwa 1480 als Leihgabe aus Göttweig in Salzburg ist. Vom dortigen Stift und der von Pater Gregor Lechner gehüteten grafischen Schatzkiste kommen einige gewitzte Exponate. Ein Kupferstich aus Göttweig zeigt Steuer eintreiber! Sind derentwegen schon Josef und Maria geflohen? Was komisch erscheint, folgt brav dem Weihnachtsevangelium nach Lukas, dessen erster Satz lautet: "In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen." Diese profane Tatsache hat der Franzose Nicolas Poussin im 17. Jahrhundert ins Bild übersetzt.

Was Ochs und Esel mit Weihnachten zu tun haben

Köstlich ist ein weiterer Kupferstich aus Göttweig: Während einer Verkündigung mit machtvoll gestikulierendem Erzengel und pathetisch ergriffener Maria saust aus dem gleißenden Himmelslicht ein feister kleiner Nackedei herab, der sein Kreuz tapfer an die Schulter heftet. Dass Jesus außerhalb des Mutterleibs bereits Fleisch geworden wäre, sei bereits im Mittelalter eine umstrittene Darstellung und demgemäß selten gewesen, erläutert Reinhard Gratz. Trotzdem hat es noch im 16. Jahrhundert Orazio Samacchini gemalt, und Agostino Carracci hat es gestochen.

Woher kommen Ochs und Esel? Reinhard Gratz zufolge hat der Theologe Origenes im 3. Jahrhundert die Krippe bei Christi Geburt mit einem Wort Jesajas junktimiert: "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht." Zu Weihnachten geht es also darum, den Erlöser zu erkennen.

Auch Salzburger Werke machen die Ausstellung interessant. Die Besucher begrüßt ein "Krippenbaum" - eine Symbiose aus Krippe und Christbaum, die Gustav Resatz 1962 für die damals neue Pfarrkirche Herrnau im Auftrag des dortigen ersten Pfarrers Josef Tomaschek geschaffen hat. Gustav Resatz war ab 1924 freischaffender Künstler sowie Lehrer von Fritz Wotruba, Jakob Adlhart und Max Rieder.

Ausstellung: "Alle Jahre wieder", Nordoratorium des Doms, Salzburg, Domquartier, bis 5. Februar.

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