Kunst

Nachruf: Ein Hallelujah für Leonard Cohen

Die Welt ein Jammertal des Populismus - und nun muss diese Welt ohne Leonard Cohen auskommen. Traurig. Es braucht viel Kraft, um im Moment einem seiner Sätze glauben zu können: "Love's the only engine of survival."

Irgendwo muss diese verdammte Ritze sein! Leonard Cohen hat doch davon gesungen. Und was er gesungen hat, trug oft Keime der Hoffnung, Hinweise auf die Liebe als "the only engine of survival". Und er hat eben auch von dieser Ritze erzählt im Song "Anthem": "There's a crack in everything, that's how the light gets in." Aber jetzt: kein Schimmer. Düsternis. Schaut aus, als gäbe es die Ritze nicht, durch die ein Lichtstrahl fallen könnte, zum Beispiel in Form von ein bisserl Vernunft, ein bisserl intelligenter Poesie in einem Meer aus Populismus.

Die Welt verwandelt sich in einen finsteren Raum, begrenzt von dumpfen Vollpfosten. Der g'scheit demütige Sänger ist verstummt. Leonard Cohen ist nicht mehr da.

Obwohl: So stimmt das nicht - gottlob und hallelujah! Der kanadische Songpoet mag tot sein, gestorben in der Nacht auf Freitag. Die Größe seiner Kunst - erhaben über jedes regierende Mittelmaß, hinausragend über all das Gewöhn liche, das mit Superlativen lauthals beworben wird - garantiert, dass Cohens Werk nicht verschwindet.

Wer an Leonard Cohen denkt, hört eine Stimme. Ozeantief, gegerbt vom Rauchen, gefüllt mit Leben. Wie aus einem Tunnel rollt diese Stimme daher, kommt gefährlich nahe, wenn sie etwa von "The Future" erzählt, die "murder" sei. Und recht aktuell klingt sie als Warnung vor der Apokalypse, die kriegerisch als Marsch daherstampft und den Titel "Democracy" trägt. Das sind zwei Lieder, beide fast 25 Jahre alt, die man sich bei einem Blick auf die Gegenwart in einer zerbröselnden Weltordnung und beim Schwinden von Werten der Menschlichkeit in Dauerschleife anhören sollte. Aber die Stimme kann auch anders wie in "I'm Your Man", dieser als totale Liebeserklärung formulierten Unterwerfungsformel. Oder im hingebungsvollen "If It Be Your Will" und beim beschwörenden "Sisters of Mercy" und erst recht bei "Hallelujah", das einem voller Pathos, aber doch bescheiden immer schon und immer wieder die Kehle zuschnüren kann. Und dann gibt es da noch das Schmiegen und Streicheln und Schöntun, wenn es bei Cohen - ausnahmsweise - um erfüllte Liebe geht, oder halt die Erinnerung an sie in den frühen Klassikern "Suzanne" oder "So Long, Marianne" .

"Das lyrische Reich Cohens ist eine Art transzendentales Schlafzimmer. Stets sind die Laken frisch verschwitzt vom Kampf der Geschlechter", schrieb der deutsche Autor Georg Klein einst zum 70. Geburtstag des Songpoeten. Selbst wenn Cohen sich der Politik annimmt, bleibt als inhaltliches Skelett des Textes eine Beziehung und die Schwierigkeiten, in die man sich dadurch stürzt - ob es das Verhältnis zu einer Stadt, zu einem höheren Wesen oder zu einer Frau war, blieb bei Cohen immer schon einerlei. So wie in all den Jahren auch die Melancholie in seinen Liedern, die selten Sonnenstrahlen abbekommen haben, gleich blieb und auch seine kaum vorhandene Mimik und sein zurückhaltendes Lächeln, dem man ebenso schnell verfällt wie den Liebeserklärungen in seinen Texten.

Cohen erzählte immer ohne Sentimentalität von der Gewissheit, dass alle Dinge ihr Ende haben. So entstanden Songs, die jeder für sich ein Gebet sind. Alle zusammen sind sie eine Messe.

"I'm leaving the table. I'm out of the game"

Vor wenigen Tagen erst war ein neues und - es war zu ahnen - letztes Album des 82-Jährigen erschienen. Cohen zelebriert auf "You Want It Darker" seinen intensivsten Flirt mit dem Ende, eine spirituelle Annäherung an das eigene Sterben, Geleitet ist das nicht von Angst, sondern von befreiender Sicherheit und Liebe. Und freilich geprägt ist dieses Album an einigen Stellen von Cohen'scher Selbstironie, die ihresgleichen sucht.

Die Brüchigkeit des Lebens, der Verlust früherer (aber ohnehin immer nur vermeintlicher) Sicherheiten wirkt umso deutlicher, je älter der Vortragende wurde, je größer die Wahrscheinlichkeit ist, dass aus einer Vorahnung eine Tatsache werden kann. Der Hang zu letzten großen Frage bestimmte aber nicht nur das Spät- sondern das Gesamtwerk. Vieles drehte sich um eine Sache: "Dance me to the end of love."

Wo seine Songs auftauchen, flattern die Engel der Erinnerungen, die einen zurückdenken lassen ans erste Hören, ans erste Küssen, an die erste Nacht - bei der womöglich ein Cohen-Song lief. Nicht ein Soundtrack der Bestätigung, dass alles gut war, klingt da. Bei aller Liebe und Leidenschaft tauchen immer Vergeblichkeit und Untergang auf, lauern am Rand jedes Liebesnestes auch Dämonen oder Götter. Mit denen, so wird besonders jetzt im Angesicht des Todes klar, lässt es sich bestenfalls aussöhnen. Ausrichten lässt sich nichts gegen sie. Zumindest aber gibt es dank mancher Cohen-Songs Momente, in denen man ein Gegengift gegen Düsternis und Verdammnis und Slogans und primitive Vereinfachungen zur Hand (oder besser: im Ohr) hat.

In der Bedrohlichkeit, die jedes Ende, jede Niederlage in sich birgt, erzeugte Cohen in den letzten Jahren bei seinen Konzerten die größte Intensität.

Nachdem es der gebürtige Kanadier als Romancier und Lyriker versucht hatte, trat er 1967 in die Popmusikwelt ein. Seither schaffte er es, Melodien, manchmal sperrig, öfter aber glatt und leicht verständlich, bisweilen mit bizarrem Casio-Synthesizer-Geklimpere mit lyrischer Einzigartigkeit zu mischen. Jeder findet hier etwas, das das Leben erklärt - es aber nicht zwangsläufig leichter macht. So kann man Popstar werden. Cohen wurde einer, lebte aber nie wie einer und blieb immer Poet. Es verwundert wenig, dass er musikalisch immer sparsam, auf das Wesentliche bedacht blieb, damit vor allem die Texte zum Vorschein kommen.

Entspannte Soundlandschaften aus geisterhaften Synthesizern, sanft pochendem Schlagwerk, fast nicht wahrnehmbaren Gitarren und Klavier, beinahe stummen Saxofonen und weichen, himmlischen Frauenstimmen lassen die Konzentration auf Cohens ausgetrockneter Stimme ruhen. Dass er uns dabei auf seine alten Tage auch noch teilhaben ließ, ist schön, aber ein unglücklicher Zufall.

Cohen hatte sich in den 1990er-Jahren in ein Kloster zurückgezogen. Es schien vorbei mit dem Dichtersänger. Dass uns seit ein paar Jahren dieser würdevolle Mann doch noch mit drei Alben - "Old Ideas", "Popular Problems" und "You Want It Darker" - und auch leibhaftig auf der Bühne begegnet, ist wunderbar und bitter.

Eine Mitarbeiterin nämlich hatte Millionen veruntreut, die Cohen für die Pension gespart hatte. Freilich war das hinterhältiger Betrug. Cohen-Fans hingegen dürfen darin das Werk eines bösen Engels erkennen, der ihren Gott noch einmal auf die Erde schickt, damit er seinen Lebensabend finanzieren kann. Cohen wäre sonst wohl nie mehr aus dem Kloster gekommen. Ohne den Betrug hätten Abende nicht stattgefunden, die voll reifer Schönheit Songs boten, die zum Volksliedgut gehören, zum Summen in einem von Popmusik sozialisierten Alltag, ja zum Weinen schön waren seine Auftritte.

Diese Abende ließen einen Unvergänglichen auftauchen, einen Andächtigen, Demütigen, Tänzelnden, Vergeistigten, Liebenden. Kein Poltern gab es da, keine laute Welt leerer Versprechungen, sondern ein bescheidenes Lächeln aus Dankbarkeit darüber, dass ihm zugehört wird. Wie singt Cohen in "I tried to leave you" über die Vergeblichkeit einer Trennung: "And here's a man, still working for your smile."

Cohens Gesang klingt, als hätte einer etwas vervollständigt, an dem er lang, sein Leben lang, gearbeitet hat, und trotzdem klingt seine Weisheit ganz mühelos.

Wüsste er, wo seine Lieder herkommen, hätte er diesen Ort weit öfter aufgesucht, sagte er in seinem letzten Interview. Der Ort bleibt für immer geheim, die Tür zum "Tower of Song" für immer geschlossen.

"I did my best, it wasn't much", singt Leonard Cohen in "Hallelujah". Da muss ihm ein einziges Mal widersprochen werden: Mr. Cohen, es war so viel, so unglaublich viel, was Sie getan haben! Jeder Song eine Ritze, durch die das Licht der Erkenntnis dringt.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 11:49 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/nachruf-ein-hallelujah-fuer-leonard-cohen-893356

Schlagzeilen