Kunst

"Natural Resistance" im Kino: Im Wein liegt die Wahrheit

Ganz Italien beugt sich dem Druck des Markts. Ganz Italien? Nein! Ein Film setzt Italiens Weinrevolutionären ein Denkmal.

Im Grunde ist es Bequemlichkeit unter dem Decknamen "Produktsicherheit", die am Verlust der Weinvielfalt schuld ist. Was auf einer Weinflasche draufsteht, das soll auch drin sein, jedes Jahr wieder, unabhängig vom Jahrgang. Wenn eine Rebsorte laut Beschreibung strohgelben Wein mit grünlichen Reflexen, zurückhaltender Säure und Südfrüchten am Gaumen liefert, dann hat das standardmäßig auch in der Flasche zu sein - selbst wenn es im Sommer wochenlang über 30 Grad hatte und das Ergebnis bei natürlicher Gärung naturgemäß eher goldgelb und fruchtig-schwer wäre. "Mit einem solchen Wein bekommen wir aber keine DOC-Zertifizierung", sagt ein italienischer Winzer. Kommerzielle Weingüter arbeiten daher mit technischen Mitteln wie Mikrooxigenation und im Labor gezüchteten Hefen, um das immer gleiche Ergebnis zu erzeugen und das begehrte Siegel zu erhalten, das uns im Supermarkt die Entscheidung erleichtert. Doch nicht alle unterwerfen sich diesen Regeln, wie Jonathan Nossiters Doku "Natural Resistance" zeigt.

Nossiter hatte schon vor elf Jahren mit dem Dokumentarfilm "Mondovino" die restriktiven Forderungen der weltweiten Weinproduktion erkundet, in der malerische Weingüter längst durch großindustrielle Methoden ersetzt wurden. Sein zweiter Weinfilm nun ist viel intimer, das Ergebnis einer persönlichen Begegnung Nossiters und seiner italienischen Partnerin Paula Prandini mit einer Handvoll italienischer Weinbäuerinnen und Weinbauern, die sich mit biologischem und biodynamischem Weinbau auf althergebrachte Techniken rückbesinnen, freilich um den Preis schlechterer Vermarktbarkeit: ohne Spritzmittel, mit größerer Vielfalt und mehr Freiheit in der Sortenbeschreibung der Weine, mit teils aberwitzig niedrigen Flaschenpreisen und einem Arbeitsethos, das mehr im Tun als im Erfolg begründet ist. Der Lohn ist charaktervoller Wein, und darüber hinaus dunkler, krümeliger Humus voll krabbelndem Getier und Weinstöcke, die tief darin wurzeln.

Persönlich ist "Natural Resistance" auch deshalb, weil Nossiter eine filmische Ebene in die Diskussion bringt: Der Direktor des Filmmuseums Bologna, Gian Luca Farinetti, spricht im Film über die Notwendigkeit der Restaurierung von Filmklassikern. Nossiter zieht hier die Parallele zum Verlust kultureller Vielfalt zwischen Kino, Weinbau und Esskultur. Es sind Argumente, die für jede Diskussion über die Weltvermarktung von Nahrungsmitteln taugen und unsere Supermarktbequemlichkeit infrage stellen.

Film: Natural Resistance. Doku, Italien/Frankreich 2015. Regie: Jonathan Nossiter. Start: 26. 6.

Quelle: SN

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