Kunst

"Nebel im August": Immer nur Befehle befolgt

Der aufgeweckte Ernst Lossa fällt als Kind der perversen NS-Rassenideologie zum Opfer. "Nebel im August" erzählt seine dramatische Geschichte.

Papa holt ihn bald ab, und dann fahren sie gemeinsam nach Amerika: Ernst (gespielt von Ivo Pietzcker) ist überzeugt, dass er nicht lange in der Nervenheilanstalt in Kaufbeuren bleiben wird, wo er gerade eingeliefert wurde, im Mai 1943. Doch "Nebel im August", der seit Freitag im Kino läuft und die wahre Geschichte des jungen Ernst Lossa erzählt, nimmt kein glückliches Ende.

Ernst ist frech, klaut manchmal, und er ist ein Jenischer, ein Kind fahrender Händler. Das reicht dem NS-Regime, um ihn als "asozial" ins Heim zu stecken. Ernst gilt als "schwer erziehbar", aber nicht für alle: Schwester Sophia (Fritzi Haberlandt) etwa meint es wirklich gut mit den Kindern. Aber wenn ein Patient "verlegt" wird, in die Tötungsanstalt Hadmar, fällt auch ihr nichts anderes ein als fromme Trostgesänge. "Gnadentod" nennt das der gütige Herr Doktor Veithausen (Sebastian Koch). Der Aufwand für die Transporte wird aber bald zu hoch, also kommt die Anweisung aus Berlin, die Ermordungen in Zukunft selbst durchzuführen. Und spätestens da wird nicht nur dem 14-jährigen Ernst klar, was hier eigentlich passiert. Und er versucht, sich zu wehren.

Das Schicksal Ernsts ist vergleichbar mit dem des österreichischen Zeitzeugen Fritz Zawrel, der als Kind in der Krankenanstalt Am Spiegelgrund gequält worden war. Doch Ernst Lossa hat nicht überlebt, er ist einer der etwa 200.000 angeblich oder tatsächlich psychisch kranker Menschen, die im NS-"Euthanasie"-Programm ermordet wurden. Dank der Alliierten, die nach dem Krieg die Zustände in der Nervenheilanstalt Kaufbeuren untersuchten und bei Zeugenvernehmungen immer wieder auf den Fall Ernst Lossa stießen, ist seine Geschichte außergewöhnlich gut dokumentiert. Sie wurde später zum Präzedenzfall im Prozess gegen Ärzte und Pfleger. Der Journalist Robert Domes hat Ernsts Lebensgeschichte recherchiert und 2008 als Jugendroman aufgeschrieben. Nun hat Regisseur Kai Wessel auf Basis des bedrückenden Dokuments einen dramatisch verdichteten Film gedreht, streckenweise vielleicht ein wenig zu sentimental.

Was ihm aber gelingt, ist die Darstellung der tödlichen Feigheit und Befehlstreue, verkörpert durch die Figur des Doktor Veithausen, eines Pflegers (Thomas Schubert) und einer Krankenschwester (Henriette Confurius), in der die serielle Ermordung von Kindern und Erwachsenen sich als vernünftige Sorge um den "Volkskörper" tarnt: Barbiturate per Himbeersaft, "Trink aus, mein Kind", und als das zu teuer wird, werden die angeblich aussichtslosen Fälle bei dünner Suppe systematisch ausgehungert - ein in Kaufbeuren erfundener "Trick", der dem Regime im ganzen Deutschen Reich sparsam morden hilft.

"Die Täter waren nicht einige wenige, sondern die Mehrheit, die Elite der deutschen Psychiater", schreibt der Psychiater Michael von Cranach, auf dessen Initiative Lossas Geschichte bekannt wurde. "Die Mehrheit der Täter und Mitläufer blieb unbehelligt und war weiterhin ärztlich tätig. Die schlimme Vergangenheit wurde verdrängt und verleugnet."

FILM: Nebel im August. Drama, D/Ö 2016. Regie: Kai Wessel. Mit Ivo Pietzcker, Sebastian Koch.

Quelle: SN

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