Kunst

Neues Album von Robbie Williams: Jetzt ist es wirklich aus mit der Liebe!

Auf seinem neuen Album wird Robbie Williams, charmanter Pop-Überstar, eine beschauliche Kopie seiner selbst. Das ist unfassbar fad.

Neues Album von Robbie Williams: Jetzt ist es wirklich aus mit der Liebe! SN/sony

"Such a saint, but such a whore", sang er. Heiliger und Hure, das war das Leitmotiv von Robbie Williams, der strahlend und verdorben gleichermaßen süffige Popmusik produzierte, die allen etwas zu bieten hatte.

So wurde er einer der mächtigsten Umarmer des Pop, ein Peter Alexander für die Generation Internet und Hitradio. Er ließ keinen kalt, weil er Zuneigung oder Ablehnung in einem Maß auf sich zog, wie sonst nur Bono von U2. Dem Popland jedenfalls schenkte er so ein paar Songs ohne jedes Ablauf datum. Nun erinnern auf dem neuen Album nur mehr ein paar fesche Songteile, ein, zwei Intros und manche Instrumentierung an die Zeit, als Williams der Größte war.

Wie da etwa das Piano gleich zum Auftakt seines neuen Albums perlt und wie damit der Titelsong "The Heavy Entertainment Show" eingeleitet wird, fühlt man sich in die glorreichen Zeiten des Albums "Escapology" zurückversetzt. So als würde der Song "Feel" laufen, klingt es - aber nur kurz.

Damals, 2002, hatte er von EMI einen Plattenvertrag über fünf Alben bekommen und dafür die Gage von 80 Millionen Pfund. Alles, was er tat, war erfolgreich. Ihm flogen selbst die Herzen Älterer zu, weil er sich mit einem Swing-Album als möglicher Nachfolger von Sinatra und Co positioniert hatte.

Das ist jetzt gut eineinhalb Jahrzehnte her. Und genauso lange ist her, dass Robbie Williams ein überragendes Album abliefern konnte. Er stolperte durch Stile, experimentierte herum, aber weil er Robbie war, dieser charmanteste Lügner des Pop, dieser einnehmende Hymnensinger, wollte man ihm Werke wie "Intensive Care" oder "Rudebox" immer durchgehen lassen. Nun ist auch "The Heavy Entertainment Show" weit davon entfernt ein gutes Album zu sein - und zwar so weit entfernt, dass man es nicht mehr durchgehen lassen kann.

Nur als Pianosprengsel und als hymnische Ansätze in manchen Refrains taucht die alles umarmende Macht Williams' auf. Es bleibt nichts vom Spagat zwischen Glitzer und Verruchtheit, zwischen gebrochenem Held oder gut gelauntem Großunterhalter. Nun verspricht das neue Album eine "Heavy Entertainment Show". Es erweist sich aber als mittelmäßiges Herumstochern in verschiedenen Stilen. Aus der großen Welt der Aufregungen wurde ein kleiner Schrebergarten.

Songs wie "Mixed Solutions", "Sensational" oder "Pretty Woman" kommen nur wie Kopien jener Originale daher, mit denen Williams die Rolle als überheblicher, aber doch angehimmelter Supertyp kreieren konnte. Das schafft er auf "The Heavy Entertainment Show" in keinem Takt. Stattdessen geht er auf Nummer Sicherheit. Alles ist voller Klischees und Selbstzitate. Souveränität und Lässigkeit von einst weichen lustlosem Taumeln in der eigenen Vergangenheit.

Dabei war die Ausgangslage perfekt. Williams hatte sich mit Songschreibpartner Guy Chambers ausgesöhnt. Im Duo hatten sie ein paar Songs für die Hitparade der Ewigkeit geschaffen. Keiner der 16 Songs des neuen Albums hat dort Platz. Allzu oft - am allerschlimmsten bei "Love My Life" - tauscht Robbie Williams die von ihm brillant verkörperte Selbstherrlichkeit gegen eine Art Inwendigkeit. Das mag seinem Familienglück geschuldet sein und freut einen auch für den Menschen Williams. In der Kunstwelt des Popstars Williams hat die Wirklichkeit nichts verloren. Stattdessen möchte von ihm jeder wissen, wo die nächste Party steigt, wie sich das Leben im Glanz anfühlt. Es geht um den Verkauf von Träumen.

Der Popstar Williams kann nicht für Authentizität zuständig sein. Wo er das versucht, fehlt ihm Glaubwürdigkeit. Die Wirklichkeit ist eine verdammt Hölle, aus der mit großen Songs die Flucht gelingt, Williams war stets Fluchthelfer - zuständig, dass die Zuhörerschaft enthusiasmiert über einen Regenbogen entführt wurde. Die neuen Songs können das nicht.

Langweilig für einen massenhaften Konsum poliert sind nun alle Oberflächen. Wo einst Zweifel und Brüche spürbar waren, gähnt nun Leere. Es wird die Anstrengung hörbar, mit der alle Unzulänglichkeiten im Songwriting durch dick aufgetragene Arrangements kaschiert werden sollen. Im besten Fall - etwa im balladigen "David's Song" - klingt alles lieblich. Aber will Williams das sein? "The Heavy Entertainment Show" bietet - wie schon die zwei, drei letzten Alben - unglaublich viele Gründe, dem von Teenie-Idol zu Über-Popstar aufgestiegenen Williams die Zuneigung aufzukündigen. Nirgendwo wird Überwältigung formuliert. Alles wankt charakterlos. Und so muss es jetzt also aus sein mit dieser Liebe.

Williams liefert nur mehr fragmentarisches Material, das nicht mehr dazu taugt, ihn als Über-Star schön zu reden, ihn als wunderbar charmanten Angeber zu preisen, kurz: ihn als perfekten Popstar, Wunschfänger und Traumausteiler zu verteidigen.

Damit ist Schluss - jedenfalls, was dieses Album betrifft. Für die Tour im kommenden Jahr kann das wieder anders ausschauen. Da werden die neuen Songs nur Füllstoff für die Best-of-Show, und Williams kann tun, was er am besten kann: als Heavy-Entertainer alles leicht machen.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 08:15 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/neues-album-von-robbie-williams-jetzt-ist-es-wirklich-aus-mit-der-liebe-915898

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