Kunst

Nun ist doch noch Mahler komplett geworden in Luzern

Riccardo Chailly, Nachfolger von Claudio Abbado, dirigierte zur Festival-Eröffnung Mahlers "Symphonie der Tausend".

Nun ist doch noch Mahler komplett geworden in Luzern SN/festival luzern/decca
Riccardo Chailly.

Seit dem Wochenende ist Riccardo Chailly also in Luzern in Funktion gesetzt - als Nachfolger Claudio Abbados beim Lucerne Festival Orchestra. Er löst mit jener noch "offenen" Mahler-Symphonie jenes Versprechen ein, dessen Erfüllung sein Mentor und Freund bis zum Schluss aus dem Weg gegangen ist. Die Achte, die "Symphonie der Tausend", wie man sie in Anlehnung an das massive Mitwirkenden-Angebot genannt hat, lag Abbado nicht. Die Symphonie wird überhaupt selten aufgeführt, nicht nur wegen der Kosten, die sie den Veranstaltern verursacht, sondern auch aus inhaltlichen Gründen, auf die Theodor W. Adorno hingewiesen hat. "De gustibus est disputandum", hat Adorno in einem seiner Aphorismen aus den "Minima moralia" geschrieben. Das gilt auch für Mahlers Achte.

Der Philosoph hat sich oft genug geirrt, etwa in seinem Urteil über Sibelius. Bei Mahlers "Symphonie der Tausend" stand er nicht allein. Einer Anekdote zufolge soll Arnold Schönberg nach dem Anhören des Werks mit leichter Ironie in skeptischer Anspielung auf den Beginn der Symphonie - "Veni, creator spiritus" - rhetorisch gefragt haben: "Und wenn er aber nicht kommt?" So viel Aufwand, meinte er wohl, für eine unsichere Anrufung und Lobpreisung des Weltenschöpfers oder, wie Adorno und andere Skeptiker meinen, der Welt, so wie sie ist, sei eine unsichere Sache. Gustav Mahler, der große musikalische Oppositionelle zum lärmenden Weltengetriebe, sollte sich mit der "schlechten" Welt ausgesöhnt - oder zumindest den Versuch dazu unternommen - haben, ehe er mit der Neunten und Zehnten Symphonie umso tiefer stürzte? Möglich. An dieser Möglichkeit scheiden sich die Geister. Claudio Abbado glaubte nicht daran. Riccardo Chaillys Zugang ist weniger inhaltlich-ideologisch. Er nimmt den Notentext wörtlicher als die Text-Wörter und rettet so die Musik vor Glaubens- und Bildungsbekenntnissen.

Siehe da! Was herauskommt, ist ungemein differenziert, weit weg von dem lauten Forte-Feuerwerk, das man bei dieser Symphonie so oft zu hören bekommt, nur weil immer an die "tausend" Ausführenden gedacht wird. Traumhafte, ja fast geisterhaft-unwirkliche Pianissimi tun sich insbesondere im zweiten Teil des Werks auf. Das ist auch das Verdienst der mitwirkenden Chöre und ihrer Leiter, aber auch der Gesangssolisten und der Orchestermusiker. Und da man ja auch mit den Augen hört, zeigt sich nicht nur die phänomenale Saalakustik von ihrer besten Seite, sondern auch das aufgefächerte Saalbild, das in dem weiß ausgekleideten Raum das Hören in rechten Bahnen leitet - so, als hätte Claudio Abbado, als er vor vielen Jahren das "Weiß" einmahnte, an Mahlers Achte Symphonie gedacht.

Insofern erhielt die Hommage an den großen Dirigenten, die Riccardo Chailly mit dem Konzert verband, einen zweiten, verborgenen Sinn.

Quelle: SN

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