Kunst

Ouverture spirituelle: Darf's ein bisschen mehr Pomp sein?

Heinrich Ignaz Franz Bibers "Missa Salisburgensis" als barocker Höhepunkt der Ouverture spirituelle im Salzburger Dom.

Ouverture spirituelle: Darf's ein bisschen mehr Pomp sein? SN/sf/andreas kolarik
Barocke Raummusik im barocken Dom: Klangüberfluss aus der Salzburger Geschichte. SF/

Sollte jemals wieder die "Missa Salisburgensis" im Salzburger Dom aufgeführt werden, gilt der Tipp: Nichts wie hin ins Kartenbüro und versuchen, einen Platz unter der Kuppel zu ergattern. Denn dort muss man sitzen und kann sich glücklich fühlen, das einzigartige Werk im Sinne des Erfinders erfahren zu können. Quadrophonie pur, musikalisches Glanzstück aus dem Jahr 1682, als Heinrich Ignaz Franz Bibers Festmesse à 53 voci uraufgeführt wurde unter Leitung des Komponisten. Wer zu den Glückspilzen zählte, konnte sich am Mittwoch unterhalb der Vierungsorgeln wie einst Erzbischof Kuenburg fühlen bei dieser akustischen Luxuskreuzfahrt in die Geschichte Salzburgs. In den hinteren Reihen musste der Raumeffekt verpuffen, aber an alles konnte Dombaumeister Santino Solari schließlich auch nicht denken.

Es war ein aufwendiges, aber beglückendes Unternehmen, ein Festspielereignis. Vielleicht gestaltet die Fernsehaufzeichnung das Hörerlebnis demokratischer. Gerechter verteilt waren die Klänge im ersten Teil des Konzerts von Collegium Vocale 1704 und Collegium 1704 unter dem Gründer und Leiter Václav Luks. Den tschechischen Gästen ist alle Hochachtung zu zollen, und wie es der Dirigent schaffte, die verteilten Ensembles präzise zum Kollektiv zu formen, das durfte bestaunt werden.

Ein Vorgänger Bibers, der am Markusdom in Venedig Raummusik komponierende Claudio Monteverdi, wurde mit mehreren Vespern vorangestellt, auch diese Musik ist einzigartig. Venedig ist ja die Wiege der Mehrchörigkeit, und wie später Bach schuf Monteverdi "Gebrauchsmusik" für liturgische Zwecke in großer Menge. Eine Sammlung heißt "Selve morale e spirituale", also etwa "moralisch-geistlicher Wald", woraus vier Beispiele erklangen und die immense Ideenvielfalt Monteverdis ausbreiteten. Wechselnde hellstimmige Solisten, begleitet vom historischen Instrumentarium des Collegium 1704, füllten den Kirchenraum mit gottgefälligen Klangwolken. Dass etwa "Beatus vir" loslegt wie ein Gospel und später von zwei alten Blasinstrumenten namens Zink fast Mariachi-Anklänge erhielt, bezauberte, auch das abschließende "Gloria" klang wie swingender Jubelgesang.

Dann erkletterten die Bläserabteilung, Percussionisten und Organisten die Vierungsbalkone, die Streicher verteilten sich im Altarraum wie die zwei Chöre, lauter erstklassige Solisten. Václav Luks erklomm den "Feldherrenhügel" im Zentrum.

Schon die ersten Takte des "Kyrie" waren von umwerfender Wucht, man war von Biber umzingelt. Doch löste sich der Messgesang auch in zarte Fäden auf. Vorher schmetternde Posaunen gliederten sich sachte ins Klanggemälde ein, nach den jeweils aufrauschenden Schlussakkorden schwebte die Klangwolke noch sekundenlang im wunderbaren Raum. Länger wohl wird diese pompöse Messe im Gedächtnis nachklingen. Grandios.

TV:Ausstrahlung am Samstag, 20. August, 22.30 Uhr auf 3sat.

Quelle: SN

Aufgerufen am 17.11.2018 um 10:31 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/ouverture-spirituelle-darf-s-ein-bisschen-mehr-pomp-sein-1213132

Schlagzeilen