Kunst

"Peace Trail" von Neil Young: Der Ozean schäumt vor Ärger

Er sagt, Leute seines Alters täten nicht, was er tue. Tatsächlich bleiben wenige ihren Ideen so tief treu wie der 71-jährige Neil Young.

So alt kann Neil Young nicht werden, dass er vergessen könnte, den Hippietraum einer friedlichen Welt mit dem unbestechlichen Blick auf die Verkommenheit der Welt zu vereinen.

Gerade 71 Jahre alt ist er geworden, der große Vorsitzende einer Rockmusik mit humanistischem Anspruch. Die Kraft seines neuen, 38. Studioalbums nährt sich aus dem unerschütterlichen Glauben, dass Liebe und Geborgenheit, Vorsicht und Rücksicht am Ende irgendwie, irgendwo, irgendwann doch noch so etwas ergeben könnten wie Frieden - innen und außen gleichermaßen. Das neue Album heißt folgerichtig "Peace Trail".

Nach dem lauten "Earth" lässt es Young folkig rumpeln (und an manchen Stellen hatscht es auch). Reduziert auf Gitarre, Schlagzeug und Bass, erinnert manches an große Vorgängerwerke wie das auch schon 44 Jahre alte "Harvest". Doch alles ist politischer denn je, in vieler Hinsicht unversöhnlicher, auch wenn überall Hoffnung schimmert.

Ärger, Ohnmacht, die Ausgeliefertheit in einer undurchschaubaren, immer bloß auf Vermehrungs- und also Ausbeutungskurs steuernden Welt werden manifest, wenn es gegen die Auswüchse digitaler Welten geht. Ein großes Überthema in Youngs Werk - die Frage, wie Fortschritt vielleicht doch allen richtig gut dienen könnte - drängt ihn mehr denn je.

"Peace Trail", bei vorschnellem Hinhören verführerisch harmlos, ist inklusive diverser Archivveröffentlichungen das siebte Album innerhalb von zwei Jahren. Da hat es einer also eilig. Es stehen mächtige Probleme an - und die haben auch mit dem Altwerden zu tun.

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"I know that something's different now", singt er mit schwächlicher Stimme zur Frage, wie relevant ein alternder, nachdenklicher Hippie noch sein kann, in einer grellen, schreienden, zunehmend intoleranten Welt. Aber er gibt gleich kräftig die Antwort: Mund aufmachen, kämpfen, weitermachen. Und wenn, wie beim Kampf gegen eine Pipeline durch Indianerland in Dakota, (fast) nichts mehr hilft, stellt er im Song "Indian Givers" fest: "On the sacred land there's a battle brewing." Das gilt auch für andere Kriegs- und Krisengebiete wie Großbanken oder das Sozialamt.

Es kann durchaus verstörend, gar peinlich wirken, wenn Rockstars plötzlich ihr Gewissen auf die Bühne schleppen und sich zu Umweltfragen äußern, politische Thesen hinterfragen, soziale Netzwerke oder Global-Shopping-Verheißungen geißeln. Bei Young ist es anders. Seine Autorität und seine Überzeugung in solchen Fragen ist unzweifelhaft, weil er sie stets auf seiner Songschreiber-Agenda hatte. Er bekennt aber mehr denn je, dass er sich auch verloren fühlt. "I'm lost in this new generation. Left me behind, it seems", murrt er in "My Pledge", dem besten Song des Albums, der - wie viele große Young-Songs - sich der Mythen und Träume Nordamerikas als Vorlage für einen kritischen Blick und eine Vision einer gerechteren Zukunft bedient.

Aber gerade dieser Umstand, die Weisheit und Übersicht, das historische Verständnis und das unbestechliche Gewissen, erlauben es ihm, tief zu blicken. So bleibt Young auch auf "Peace Trail" ein Geist der Unruhe, der seine Ideale nie verrät.

"People of my age, they don't do the things I do", singt er. Die Zeile ist schon 21 Jahre alt. Damals nahm er mit Pearl Jam "Mirror Ball" auf. Die Zeile stammt aus dem Song "I'm the Ocean". Den meisten müsste so ein Titel als selbstgerechter Egotrip ausgelegt werden. "Peace Trail" macht wie viele andere Alben klar, dass Young diese Bewertung nicht fürchten muss. Er ist das Meer, in dem die Stürme des Ärgers über Ausbeutung, Verrohung, rasanten Kapitalismus und Populismus toben und doch jeder von einer ruhigen See träumt, dem Frieden. Frieden? Sage einer, was daran schlecht sein sollte, außer dass Young bei der Musik den einen oder anderen Song eher skizzenhaft denn ausgefeilt anlegt. Aber fertig, perfekt, endgültig - das sind bei Young ohnehin keine gültigen Kategorien. Es geht um Nähe, um Empathie und die Schaffung eines Gefühls für das große Ganze und zwar immer und immer wieder von Neuem, wenn auch mit den alten Mitteln der Rockmusik.

Album: Neil Young, Peace Trail, Warner Music, 2016.

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