Kunst

Pereira bringt Schwung

Seit zwei Jahren ist Alexander Pereira Intendant der Mailänder Scala. Für die jüngste Premiere holte er einen Scala-Debütanten.

Pereira bringt Schwung SN/APA (Archiv)/FRANZ NEUMAYR
Scala-Intendant Alexander Pereira.

Kurz vor Mitternacht brandet der Applaus auf, als Franz Welser-Möst aus den Lamellen ins Bühnenlicht tritt. Nach dem"Figaro" an der Mailänder Scala erntet der österreichische Dirigent kräftigen, buh-freien Jubel.

Und es erstaunt: Sein Scala-Debüt gab er mit dem, wofür ihn Alexander Pereira einst eigentlich für die Salzburger Festspiele engagiert hätte: einer Da-Ponte-Oper. Damals hatte Welser-Möst abgesagt. Nun ging Pereiras Wunsch für Mailand in Erfüllung.
SN: Sie sind offenbar nicht nachtragend. Warum holen Sie Welser-Möst nach Mailand?
Alexander Pereira: Wenn man sich überlegt, wem man ein Projekt aus Anlass von Mozarts 225. Todestag anvertrauen will, kommt man schnell auf Franz Welser-Möst. Nach all meinen Erfahrungen mit ihm in Zürich dachte ich, "Figaro" mit ihm in Mailand kann eine erstklassige Aufführung werden. Er selbst hat nach der Premiere (am Mittwoch, Anm.) gesagt, dies sei eines der glücklichsten Opernerlebnisse seines Lebens gewesen.
SN: In Salzburg gab es mit Ihnen Querelen wegen zu großen Budgets und zu viel Programm. Wie ist das hier an der Scala?
Bisher mache ich das Programm so, wie ich mir das vorstelle. Die Scala hat jetzt zum ersten Mal eine intensive Herbstsaison. Als ich 2014 kam, spielte die Scala im Herbst nur zwei Ballette, Konzerte und eine Oper. In diesem Herbst spiel ich: "Zauberflöte", "Turn of the Screw", "L' incoronazione di Poppea", "Figaro" und "Porgy and Bess" - fünf Werke, 43 Vorstellungen. Und das Publikum nimmt es sehr gut an.
SN: Nach der Weltausstellung 2015, als Sie sogar im Sommer die Scala bespielt haben, setzen Sie also mit ähnlichem Schwung fort?
Ja, das wird auch in den nächsten Jahren so sein. Wir haben zum Beispiel großen Erfolg mit unserer Accademia della Scala, dem Konservatorium. Ich bin als Intendant der Scala zugleich Präsident der Accademia. Und das hat bisher noch kein großes Opernhaus gemacht, eine Neuproduktion ausschließlich mit Studenten zu besetzen.
SN: Was war dieses Projekt?
"Die Zauberflöte" mit Peter Stein. Peter Stein hat ein Jahr lang mit 20 ausgewählten Gesangsstudenten an der "Zauberflöte" und deren Text gearbeitet. Jeden Monat ist er dafür zehn Tage nach Mailand gekommen, dann in den letzten drei Monaten bis zur Premiere durchgehend. So kam eine wunderschöne Aufführung zustande. So etwas manchen wir nun jedes Jahr.
SN: Was als nächstes?
"Hänsel und Gretel", das werden Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch machen.
SN: Sven-Eric Bechtolf wird Studenten unterrichten und dann inszenieren?
Ja, oder eigentlich: beides gleichzeitig. Er wird schon im Februar das erste Mal hier in Mailand sein.
SN: Wie macht sich die Regierung Renzi mit Kulturminister Franceschini bemerkbar?
Die Scala ist eine autonome Institution geworden, also aus dem Gesamttopf für alle Kulturinstitutionen herausgenommen. Als Fondazione (Stiftung, Anm.) haben wir größere Flexibilität in der Geschäftsführung, und wir können besser als bisher Partnerschaften mit Privaten eingehen. Die Fondazione ist nur zu einem Drittel vom Staat subventioniert. Ein knappes Drittel unseres Budgets (121 Mill. Euro für 2016, nach 127,5 Mill. Euro im Expo-Jahr 2015, Anm.) entfällt auf Eigeneinnahmen. Der Rest, also mehr als ein Drittel, kommt von Sponsoren und Privaten.
SN: Abgesehen von neuen Sponsoren wie BMW, Dolce & Gabbana oder Kühne+Nagel haben Sie auch die Freundeskreise erweitert. Haben Sie das aus Salzburg abgeschaut?
So kann man das nicht sagen. Auch an der Zürcher Oper gibt es seit je einen Freundeskreis; in Mailand gibt es längst Vereine wie "Milano per la Scala" oder "Amici della Scala". Allerdings: International gab es dies noch nicht. So habe ich die Scala-Freunde in New York wieder erweckt. Und in der Schweiz hat sich im Vorjahr ein Scala-Verein gegründet, über den wir 1,2 Mill. Euro bekommen haben.
SN: Gibt es schon Scala-Freunde in Österreich?
Noch nicht. Ich bin offen dafür! Das Problem in Österreich ist, dass solche Spenden bisher nicht von der Steuer absetzbar gewesen sind. Da sollte Österreich sich ein Beispiel an Italien nehmen.
SN: Wie ist das in Italien geregelt?
Kulturminister Dario Franceschini hat einen "Art Bonus" eingeführt: Da kann ein Unternehmen bis zu 0,5 Prozent des Jahresumsatzes an Institutionen wie die Mailänder Scala spenden; 65 Prozent der Spende können von der Steuer abgesetzt werden.
SN: Wie wirkt sich das für die Scala aus?
Uns kommt das zugute. 17 Millionen Euro sind im Vorjahr von Privaten über den "Art Bonus" geflossen.
SN: Abseits von Mailand, Venedig, Rom und Turin wird Italien, was Musiktheater betrifft, mehr und mehr zur Wüste. Warum ist Mailand anders?
Diese Stadt ist unglaublich aufnahmebereit für neue Ideen. Nehmen Sie unsere Kinderoper: Die habe ich im Vorjahr eingeführt. Im ersten Jahr hatten wir neun Vorstellungen: für 18.000 Kinder und Eltern. Dieses Jahr werden wir dafür 50.000 Kinder und Eltern in die Scala bringen! Da sehen Sie, wie man hier eine Idee aufnimmt und daraus eine Explosion macht.
SN: Ihr Vertrag läuft bis Februar 2020. Was sind Ihre Vorhaben?
In der Scala hat für die Barockoper das Spielen auf alten Instrumenten Einzug gehalten. Ein Defizit gab es im italienischen Repertoire. Als ich kam, gab es genügend Opern von Verdi. Aber Puccini? Wenig. Nun wird Riccardo Chailly (Musikchef, Anm.) sämtliche Puccini-Opern machen - im Dezember kommt "Madame Butterfly". Dann Verismo! Davon gab es nichts außer "Cavalleria" und "Bajazzo". Und es gab praktisch nichts im Belcanto. Da ist großer Nachholbedarf.
SN: Mailand braucht mehr italienische Oper?
Ja. Jetzt könnten Sie mir unterstellen, ich sähe das provinziell. Aber dieses Theater ist berühmt geworden, weil Rossini, Donizetti, Puccini, Verdi und Giordano hier aus- und eingegangen sind. Daher muss die Hälfte des Repertoires italienisch sein! Das heißt nicht, dass ich das internationale Repertoire aufgebe. Und wichtig ist auch das Ballett. Aber all das ist nur über die Erweiterung möglich - von Spielzeit, von aufgeführten Werken, folglich von Produktivität.

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